Mein erster Museumsjob: Tuchfabrik Müller in Euskirchen-Kuchenheim

Interview 1989

Zurück in’s Jahr 1989. In diesem Jahr begann ich, in einem Team von Angehörigen unterschiedlichster Fachdisziplinen, meinen ersten Job als studentische Hilfskraft in der Außenstelle des LVR-Industriemuseums in Euskirchen-Kuchenheim. In der Tuchfabrik Müller. Einer Volltuchfabrik, in der von 1894 bis 1961 Wollstoffe produziert wurden, die etwa zur Herstellung von Anzügen oder Uniformen dienten.

Unsere Aufgabe war es, die einzelnen Arbeitsbereiche dieser Volltuchfabrik zu inventarisieren und zu dokumentieren. Um die einzelnen Bereiche später originalgetreu wieder rekonstruieren zu können, wurde dabei jedes Objekt, wirklich jedes Objekt von der Achse bis zur Zigarettenkippe, nach allen Regeln der Kunst inventarisiert und genauestens verortet. Da der damalige Museumschef Archäologe war, mussten Objekte (z.B. Säcke, Wollproben, Bretter), die übereinander geschichtet waren, stratigraphisch erfasst werden. Ein ausgesprochen mühseliges Unterfangen. Und es machte die Sache nicht einfacher, dass die Datenaufnahme natürlich vor Ort vorgenommen werden musste. Ich erinnere mich nur allzugut daran, dass wir auch bei Minustemperaturen in der Fabrik tätig waren. Ob wir auch die Überreste der in der Fabrik verendeten Tiere inventarisierten, daran erinnere ich mich allerdings nicht mehr. Möglich wär’s schon. Um genau zu verstehen, was wir da vor uns hatten, führten wir parallel zu diesen Arbeiten Interviews mit ehemaligen Mitarbeitern durch. Besonders Peter Klinz, der gute Geist des Hauses, war dabei eine unschätzbare Hilfe. Er kannte jeden einzelnen Arbeitsschritt bis in’s kleinste Detail. Das Foto zeigt uns bei einer unserer zahlreichen Unterhaltungen in der Fabrik.

Alles in Allem war das eine gute Zeit mit einem durchaus sehenswertem Ergebnis. Denn bis heute dürfte die Tuchfabrik Müller die wohl am besten dokumentierte historische Fabrik Europas sein. Eine hervorragende Basis für die Transformation der Fabrik in eine museale Anlage, die nicht nur die begeistern dürfte, die sich für die Geschichte der Volltuchfabrikation, sondern darüber hinaus auch allgemein für technik- sowie sozialhistorische Aspekte der Industrialisierung interessieren. Präsentiert in einem authentischen Gebäude mit funktionsfähigen Maschinen.

Einen kleinen Einblick in das, was wir damals dokumentierten, liefern die Forschungsberichte zum Abschluss des Projektes. Dass abertausende Datensätze zu jedem (!) einzelnen Objekt, das wir in der Fabrik vorfanden, angelegt wurden, geht aus ihnen meist nur am Rande hervor.

Die Ergebnisse des Projektes und eine Fülle weiterer Literatur zur Transformation der Tuchfabrik in ein Museum und zur Tuchindustrie in der Region finden Sie hier.

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Autor: Joern Borchert

Museums- und Ausstellungsberater seit 1991

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