Dresden: 13. Februar

Kein Tag des stillen Gedenkens

Gedenkmauer für die Opfer der Bombenangriffe im Jahr 1945 auf dem Heidefriedhof

Ohne Zweifel waren die Bombenangriffe auf Dresden vom 13. – 15. Februar 1945 ein für die Stadt und seine Bewohner traumatisches Ereignis. Mehr als 20.000 Menschen fanden im Feuer der brennenden Stadt den Tod. (1) Die Zahl der Toten, die in den darauffolgenden Tagen geborgen wurden, war so groß, dass individuelle Bestattungen nicht immer möglich waren. Etwa 6.500 Tote wurden deshalb öffentlich auf dem Altmarkt verbrannt. Ihre Asche und die Leichen der anderen wurden alsbald auf den Heidefriedhof am Rand der Stadt gebracht und dort beigesetzt. Die Asche der verbrannten Leichen vom Altmarkt in einer Grube, die der anderen eng beeinander in Gräbern, die mit einer Holzleiste nebst Registrierungsnummer versehen waren.

1949 wurde diese Gräberanlage von der Stadt Dresden in einen „Ehrenhain für die Bombenopfer“ mit Kundgebungsplatz nd Hochkreuz umgewandelt. Ab 1950 fanden dort offizielle Kranzniederlegungen statt. Doch bald war der Ort nicht mehr nur einer des stillen Gedenkens, sondern auch der politischen Einflußnahme. Die Bombenangriffe wurden nun, wie auch schon zuvor in der NS-Zeit, zunehmend als angloamerikanisches Kriegsverbrechen ge- und propagandistisch verwertet. Um dieses Narrativ weiter zu verfestigen, löste man die Einzelgräber auf und entfernte, gegen den Protest der Angehörigen, alle Markierungen.

Der Heidefriedhof stand schon lang auf der Liste der Orte, die ich in Dresden mal besuchen wollte. Schließlich ist er der bedeutendste und größte Gedenkort Dresdens und das imposanteste politische Relikt aus DDR-Zeiten. Denn neben dem Ehrenhain für die Opfer der Bembenangriffe umfasst er auch noch den Ehrenhain für die Opfer des Faschismus, den Ehrenhain für die Kämpfer gegen den Faschismus und die Verfolgten des Naziregimes – auch zu diesem Ehrenhain gäbe es viel zu sagen – sowie die Gedenkstätte für Kriegsgefangene und Zwangsarbeitende aus der Sowjetunion.

Nun war ich letzten Sonntag endlich mal dort. Zwei Tage nach dem 13. Februar, dem Jahrestag der Bombenangriffe. Zwei Tage nach dem Tag, an dem früher einmal Vertreter der sächsischen Landesregierung, der Parteien und der Oberbürgermeister der Stadt Dresden dort ihre Kränze niedergelegt haben. Eine medial viel beachtete Gedenkveranstaltung. Doch dann trat die AfD auf den Plan und es begannen kindlich anmutende Spielchen. Alle anderen Teilnehmer drehten sich um, wenn die Vertreter der AfD ihren Kranz niederlegten, den man dann danach schnellstmöglich an eine randseitige Stelle verlegte. So wurde diese Veranstaltung den Verantwortlichen von Stadt und Land zunehmend unangenehm und statt nach Lösungen zu suchen, entschlossen Sie sich diese Veranstaltung an diesem Ort gar nicht mehr stattfinden zu lassen. Schade und blöd.

Und so sieht das dann 2025 aus. Vor der Gedenkmauer liegen nun nur noch Kränze der AfD. Das stört aber offensichtlich weder die, die in der Stadt Verantwortung tragen, noch die Presse.(2) Was man nicht sieht, das stört auch nicht. Und da der Heidefriedhof weit außerhalb der Stadt liegt, ist es ja auch einfach, nichts zu sehen. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Ich frage mich jedoch, wie das auf die Menschen wirkt, die dorthin gehen, um der Toten zu gedenken oder Angehörige zu betrauern. Menschen, die nicht mit der AfD sympathisieren – oder womöglich nur noch nicht. Es wäre so einfach, das Problem per Friedhofssatzung zu lösen. Man verbietet einfach Kranzschleifen oder Kränze an dieser Stelle, erlaubt nur das Niederlegen von Blumen und schon ist jedwede Parteiwerbung verhindert. Aber wer den Kopf in den Sand steckt, der denkt nicht mehr über eine Lösung nach und schiebt nun die Verantwortung, die man selbst nicht übernehmen will, der AfD in die Schuhe.

Ich erinnere mich nur allzugut an den Abend des 13. Februar 2024. Erstmal begab ich mich in die Stadt, um zu sehen, welche Formen des Gedenkens in der Dresdner Altstadt zu beobachten sind. Ich näherte mich der Stadt über die Augustusbrücke. Vorbei an einer kleinen linken Thetergruppe, die in dämlich-brutalen Versen betrauerte, dass 1945 nicht noch mehr Menschen in der Stadt gestorben seien, näherte ich mich unzähligen Menschen, die am Straßenrand schweigend beieinander standen, um bald die Menschenkette zu bilden. Eine eigenartige Stimmung. Um 18 Uhr, der Zeit des ersten Bombenangriffs, begannen die Glocken der Stadt Dresden zu läuten. Ich hätte nicht gedacht, dass mich das so ergreifen würde und – ja – ich bekam auch etwas feuchte Augen.

Menschenkettte 2024

Später dann lief ich über den Neumarkt mit seinem Kerzenbeet rüber zum Altmarkt. Dem Ort, wo seinerzeit die mehr als 6.000 Leichen verbrannt wurden. Ruhiges Gedenken war dort nicht mehr möglich. Mitten auf dem Platz das „Winterfest“ des Stadtrats Holger Zastrow. Ein Rummel mit Eisbahn, Riesenrad und Riesenrutsche. Am Rand des Platzes hatten sich sehr rechts eingestellte Menschen versammelt. Einige wenige auch vor dem im Boden eingelassenen, kaum sichtbaren „Denkmal“ für die Opfer des 13. Februar. Um es diesen Personen unmöglich zu machen, die Worte der Vortragenden auf der Bühne zu hören, hatte auf der anderen Seite des Platzes das Bündnis „Dresden Wi(e)dersetzen“ einen LKW aufgefahren, von dem aus ohrenbetäubender Lärm in die Nacht geschickt wurde. Um ein direktes Aufeinandertreffen der beiden politischen Lager zu verhindern, dazwischen ein großes Polizeiaufgebot. Was für eine Kulisse? Statt einfach nur um die Toten zu trauern und die Schrecken und Gräuel des Krieges nachzudenken, wieder einmal nur laute Konfrontation links- und rechtsextremer Kräfte um der Konfrontation willen. Was für ein unwürdiges Trauerspiel. Hier geht es längst nicht mehr um die Sache.

Warum lassen die Verantwortlichen der Stadt zu, dass Gedenken unmöglich wird? So nimmt es nicht Wunder, dass von Jahr zu Jahr weniger Menschen in die Stadt kommen, um die Menschenkette um die Altstadt zu bilden. Dieses Jahr nur halb soviele wie letztes Jahr. Erstmals konnte sie nicht geschlossen werden. Auch der Oberbürgermeister und der Mininisterpräsident waren nicht dabei.

Niemand der heute Lebenden trägt Verantwortung dafür, dass von deutschen Boden aus die grausamsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, mit etwa 60 Millionen Toten, begangen wurden. Aber ich denke, dass gerade auch eine Stadt wie Dresden die Verantwortung dafür übernehmen sollte, dass das nicht vergessen wird. Um einen Beitrag dafür zu leisten, dass so etwas nicht wieder passiert.

Statt den Kopf in den Sand zu stecken und darauf zu hoffen, dass die Tage vom 13. bis 15. Februar ohne größere Auseinandersetzungen vorübergehen, sollten aus meiner Sicht die Verantwortungsträger der Stadt sich endlich einmal Gedanken darüber machen, wie die alles überlagernden politischen Konflikte an diesen Tagen vermieden werden könnten. Etwa durch Verlagerung des „Winterfestes“ vor den Bahnhof oder einen anderen Ort und eine würdige Gedenkveranstaltung auf dem Altmarkt. Dresden verfügt über eine überdurchschnittliche Anzahl an Künstlern aller Sparten. Sicher wären viele von ihnen bereit, diese Veranstaltung mit Darbietungen auszugestalten, die dem Anlass gerecht werden. Großprojektionen auf die Fassaden der umliegenden Gebäude würden das angemessene Ambiente dafür schaffen. Ein mögliches Motto: Dresden – die Stadt des Friedens.

(1) Der sehr lesenswerte Abschlussbericht der Historikerkommission > https://www.dresden.de/media/pdf/stadtarchiv/Historikerkommission_Dresden1945_Abschlussbericht_V1_14a.pdf

(2) Der Pressebericht vom 13.02.2024 in den DNN macht das deutlich > https://www.dnn.de/lokales/dresden/menschenkette-mit-luecken-das-gedenken-am-13-februar-in-dresden-W6QXI3OWNVBN7FBEPPACQOJFEA.html

Luft. Eine für alle (09. Nov 2024 – 26. Okt 2025)

Video und kurze Kritik zur Sonderausstellung im
Deutschen Hygiene-Museum

Neulich war ich – wie schon so oft – mal wieder im Hygiene-Museum, um mir kurz die neue Sonderausstellung anzusehen. Ich wollte herausfinden, ob sich ein ausführlicherer Besuch in Begleitung meiner Partnerin lohnen würde und beschäftigte mich in der Kürze der Zeit nur sehr oberflächlich mit den Inhalten. Denn hauptsächlich war mein Plan, etwas Bildmaterial zu sammeln. Da ich seit kurzer Zeit mit einem Programm zum Videoschnitt spiele, wollte ich an diesem Beispiel mal versuchen, ein kleines Video zu einer Ausstellung herzustellen.

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Kleinarchitektur: Schräge DDR-Relikte

Jetzt treibe ich mich schon seit mehr als zwei Jahren im Osten der Republik herum und als Kulturhistoriker fallen mir selbstverständlich immer wieder Dinge auf, die es so im Westen nicht gibt oder da nur selten anzutreffen sind. Dazu gehören diese schrägen Wände, die etwa zahlreiche Buswartehäuschen seitlich begrenzen, aber auch viele der typisierten Wochenendhäuschen/Bungalows aus DDR-Zeiten, Kioske, Trafohäuschen, Windfänge an Häusern und zuweilen auch Garagen.

Jugendtreff im Wartehäuschen, schätzungsweise späte 1970er Jahre
(Deutsche Fotothek: df_gw_0001312; Fotograf: Weber, Gerhard)

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Caspar David Friedrich – Kunst für eine neue Zeit (ausverkauft!)

Screenshot von der Seite der Hamburger Kunsthalle (22.03.2024)

Kurz vor Toresschluss habe ich es dann doch noch geschafft, mir die große Sonderausstellung zum Werk Caspar David Friedrichs im Ungers-Bau der Hamburger Kunsthalle anzusehen. Medial omnipräsent konnte man diese Schau ja gar nicht übersehen. Und so hatte auch ich das Gefühl, diese Schau fast schon sehen zu müssen.

Wie erwartet gab es da viel vom Herrn Friedrich zu sehen: 60 Gemälde und etwa 100 Zeichnungen und noch dazu 20 Arbeiten von Künstlerfreunden wie C.G. Carus oder J. Chr. Dahl. Wie ebenfalls zu erwarten, bildete das neuartige Verhältnis von Mensch und Natur in Friedrichs Landschaftsdarstellungen den thematischen Mittelpunkt.1 Was auch sonst?

Dass Gemälde wie Kreidefelsen auf Rügen, Mönch am Meer Zwei Männer in Betrachtung des Mondes, Wanderer über dem Nebelmeer und das Eismeer, allesamt Ikonen der Romantik, Menschen in Scharen anlocken würde, war auch keine Überraschung. Jedenfalls nicht für mich, für die Hamburger Kunsthalle offensichtlich schon.

Oder wie ist es zu erklären, dass auf der Webseite der Kunsthalle schon seit Wochen darauf hingewiesen wird, dass die Ausstellung „ausverkauft!“ ist. Vermutlich freuen sich die an der Ausstellung Beteiligten und dafür Verantwortlichen sehr darüber. Die Freude sei Ihnen gegönnt. Ich finde nur irritierend, dass allem Anschein nach niemand in der Lage war, das vorherzusehen und entsprechende Vorbereitungen für diesen Publikumsansturm zu treffen. Das ist ja nicht das erste Mal, dass so eine Blockbuster-Ausstellung die Massen anzieht. Andernorts reagierte man schon öfter mit einer erheblichen Ausdehnung der Öffnungszeiten. In Hamburg nicht, ja man hält sogar an der museumsüblichen Schließung am Montag fest.

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Automatische Freuden

Martin Smith: Applaus-Maschine (£ 850)

Ab und an, z. B. wenn ich etwas Aufmunterung brauche, stöbere ich in einem Online-Shop der besonderen Art. Dem des Cabaret Mechanical Theatre. Einem Shop mit mechanischem Spielzeug, das mich für einen Moment wieder ein staunendes Kind werden lässt. Da gibt es wundervolle, manchmal witzige, handgefertigte Automaten. Auch wenn die, die mir besonders gefallen, meine finanziellen Möglichkeiten übertreffen, so machen mir schon allein die Videos Freude. Ich bewundere die, die sie erfunden, entwickelt und gebaut haben. So in etwa müssen sich die reichen Potentaten gefühlt haben, die sich vor Jahrhunderten eine Kunst- und Wunderkammer leisten konnten.

Die „Zulu-Prinzessin“ Amazula – Schauobjekt oder Unterhaltungskünstlerin auf Welttournee (1880 -85)? – Deutschland – [4/4]


Teil 1/4 Großbritannien
Teil 2/4 Frankreich
Teil 3/4 USA

Vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885 fand in Berlin auf Einladung des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck die sogenannte „Berliner Konferenz“, auch „Westafrika-Konferenz“ oder „Kongo-Konferenz“ statt. Elf europäische Staaten sowie Russland, die USA und das Osmanische Reich nahmen daran teil. Abgesandte Afrikas hingegen waren dort nicht vertreten. Das Schlussdokument der Konferenz, die Kongoakte, bildete die Grundlage für die nachfolgende Aufteilung Afrikas durch die Kolonialmächte.

Berlin
Es ist also sicher kein Zufall, sondern auf die Geschäftstüchtigkeit ihres Impresarios Nat. Behrens, einem ehemaligen Mitarbeiter Barnums, zurückzuführen, dass zum Jahreswechsel 1884/85 plötzlich Amazula und ihre Gruppe in Berlin eintreffen, um dort ihre Tournee durch Deutschland zu starten. Das Umfeld ist gerade günstig und garantiert der Gruppe ein hohes Maß an Aufmerksamkeit.
So treffen sie am 30. Dezember um Mitternacht, von London über Hamburg kommend, am Lehrter Bahnhof in Berlin ein und werden sofort zu Castan’s Panoptikum gebracht, wo sie dann auch für die nächsten Wochen einquartiert werden. Die Presse ist von der „schönen, üppigen Erscheinung“ der angeblich 23jährigen Amazula vom ersten Moment an höchst angetan. Obwohl ihr richtiger Name ja eigentlich „Adz-Mwoula“ sein soll, nennt sie sich Amazula, weil ihr Mann, der bei den Auseinandersetzungen im Zululand ums’s Leben kam, angeblich so hieß. Möglicherweise aber auch, weil ihr Volk so hieß. Sie und ihr Sohn Umgame (7 Jahre) sind die Hauptpersonen. Obwohl er der eigentliche Chef der Gruppe sein soll, spielt der „Häuptling“ Incomo (32 Jahre) im Grunde als komplementäre Erscheinung eher eine Nebenrolle. Gleiches trifft auf die „Krieger“ Umfula, der zugleich als Medizinmann fungiert, und Umsafila zu.1

Castan’s Panoptikum in Berlin, um 1890 (Stadtmuseum Berlin)


Ihren ersten Auftritt, wenn man das so nennen will, haben sie im Rahmen der Silvesterfeier im engeren Kreis der Familie Castan. Offenbar treten sie dort, neugierig beäugt von den Anwesenden, auch sogleich in Aktion. „Wenn die Freudentänze und Gesänge diese schwarzen Menschenbrüder auch allen Respekt erregten, so muss man doch sagen, daß sie bei weitem nicht eine solche Abscheu erregten, wie die dort kürzlich gehörten Gesänge der Kannibalen von Neu-Queensland (…).“ Na, immerhin. Weiter wird darauf hingewiesen, dass sich die Zulus in London wohl schon ziemlich gut akklimatisiert hätten, denn sie würden hier nun auch Kaffee, Weißbrot mit Butter und europäisch zubereitetes Fleisch zu sich nehmen und nicht nur Milch, Hirse und nach ihrer Art zubereitetes Fleisch.2

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Die „Zulu-Prinzessin“ Amazula – Schauobjekt oder Unterhaltungskünstlerin auf Welttournee (1880 -85)? – USA – [3/4]

Teil 1/4 Großbritannien
Teil 2/4 Frankreich
Teil 4/4 Deutschland

Erst am 18.03.1881 treffen acht der Zulus mit Farini auf der SS Greece in Hoboken/New York ein. Was haben sie in der Zwischenzeit gemacht? Eine Überfahrt von London nach New York dauerte auch mit dem Dampfschiff nicht zwei Monate, sondern nur gut zwei Wochen. Es sei, wie es sei, direkt nach ihrer Ankunft bringt man sie publikumswirksam in einer offenen Kutsche zu Bunnell’s Museum am Broadway. Ein Museum, dass auch schon nach damaligen Vorstellungen in Anführungszeichen zu schreiben ist. Neben allerlei Skurrilitäten und Monstrositäten sind dort für einen geringen Eintrittspreis auch „lebendige Kuriositäten“ Bestandteil des Ausstellungsprogramms. Man bekam dort für wenig Geld also viel Aufregendes und Merkwürdiges geboten. Nicht zuletzt auch Angehörige indigener Völker anderer Erdteile. Als Amazula und ihre Gruppe in New York eintreffen, werden bereits einige Zulus in diesem Haus präsentiert. Farini und der Manager des Museums, der angeblich fließend die Sprache der Zulu beherrscht, inszenieren deshalb ein Treffen der bereits anwesenden mit den gerade angekommenen Zulus. Offensichtlich erregt das die erwünschte Publikumsresonanz. Hunderte Menschen stehen vor dem Museum und beobachten die Szenerie. Freudengeheul und Jubel erfüllen die Luft, man tanzt und Amazula bekommt einen wahrhaft royalen Empfang.1 Anschließend wird sie durch das „Museum“ geführt und begegnet dort einem Österreichischen Riesen, der noch größer ist als der Riese Chang. Und selbstverständlich trifft sie auch auf das Mädchen Krao aus Laos, das infolge einer Hypertrichose einen extrem vermehrten Haarwuchs hat und wohl von Farini adoptiert worden war. Dieser vermarktete sie, die wegen ihrer Aufenthalte in Europa bereits Deutsch und Englisch sprach, als Missing Link zwischen Mensch und Affe.2 Doch das ist ein anderes spannendes Thema.

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Die „Zulu-Prinzessin“ Amazula – Schauobjekt oder Unterhaltungskünstlerin auf Welttournee (1880 -85)? – Frankreich – [2/4]

Tod des Prinzen Louis Napoleon von Paul Jamin (1882) –
[Öl, H. 1,05 ; L. 1,41 m; Château de Compiègne MV 5707]

Intermezzo: Amazula und Incomo in Frankreich (1880)

In ganz Europa entstand im Zusammenhang mit den kolonialen Bestrebungen der Briten in Südafrika ein überaus großes Interesse an den Zulus. Besonders in Frankreich (natürlich). Der Tod des Prinzen Louis Napoleon, der nach der endgültigen Abschaffung der französischen Monarchie mit seiner Familie im britischen Exil lebte und am 1. Juni als Offizier der britischen Truppen im Zulukrieg, durchbohrt von 18 Speeren (Assegais), gefallen war, verliehen dem öffentlichen Interesse einen weiteren Schub. Es kam in Frankreich zu einer regelrechten Zulumanie.1 Kaum ein Tag, wo man nicht etwas in der Zeitung über die Zulus lesen konnte. Und natürlich bemühten sich auch hier Veranstalter, echte Zulus präsentieren zu können. In Paris erregten die fünf wild aussehenden und nur spärlich bekleideten Zulukrieger, die in den schon damals nicht unbedeutenden Folies- Bergère auftraten, besondere Aufmerksamkeit.

Plakat der Folies-Bergère:
Les Zoulous (Bibliothèque nationale de France)

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Die „Zulu-Prinzessin“ Amazula – Schauobjekt oder Unterhaltungskünstlerin auf Welttournee (1880 -85)? – Großbritannien – [1/4]


In meinem letzten Blogbeitrag hab ich nicht nur den Beginn meiner Recherchen zu den Menschenschauen im 19. Jahrhundert geschildert, sondern auch die Geschichte des Prinzen Dido zumindest angerissen. Im Zuge meiner Recherchen stieß ich aber auch noch auf eine andere Geschichte. Ebenfalls eine zu einer konkreten Person, mit ebenfalls kolonialem Bezug, hier jetzt nun aber mit Bezug zu den Kolonien des britischen Königreichs im Süden Afrikas. Dort drangen 1879 britische Truppen von Natal aus in das Land der Zulus ein, um es zu annektieren. Am 22. Januar kam es zur Schlacht bei Isandhlwana, bei der die Briten gegen die zwar nur mit einfachsten Waffen ausgerüsteten, zahlenmäßig aber weit überlegenen Zulus unter Führung von König Cetshwayo eine verheerende Niederlage einstecken mussten. Die schwerste einer britischen Feldabteilung überhaupt. Die Konsequenz daraus war, dass die Briten ihr Truppenkontingent in Südafrika erheblich aufstockten, um bereits im Juli 1879 die Armee der Zulu vernichtend zu schlagen und ihr Land unter britische Hoheit zu bringen. Cetshwayo verbrachte man in ein Gefängnis nach Kapstadt. Diese Ereignisse schlugen weltweit, besonders aber natürlich in Großbritannien, hohe Wellen in der Presse. Die Tatsache, dass es einem indigenen Heer – wenn auch nur in einer Schlacht – gelungen war, mit einfachen Speeren (Assagais) eine europäische Supermacht zu besiegen, schien bis zu diesem Zeitpunkt unvorstellbar. Konnte sich so etwas noch einmal wiederholen? 1879 war die Presse also voll mit Berichten aus dem Zululand, heute einem Distrikt innerhalb der südafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal.

Karikatur: A Black „White Elephant“, das eine Szene nach der Gefangennahme Cetshwayos durch britische Truppen darstellen soll. John Bull ist die Personifikation des Königreichs Großbritannien.
„John Bull (puzzled):
„He’s cost me enough to catch him! And now I’ve got him, what am I To do with him?
The Great F-rini (with alacrity):
Might I suggest the Aquarium?“
(aus The Punch, or The London Charivari, 27 September 1879)

Was lag für einen geschäftstüchtigen Veranstaltungsmanager wie dem „Großen Farini“ (= William Leonard Hunt, 1838-1929) also näher, als Zulus nach England zu „importieren“, um sie dort öffentlich zu präsentieren? Noch während der Auseinandersetzungen in Südostafrika gelangten so 1879 einige Zulus nach Großbritannien. Zuständig für die Überführung der Zulus war ein ehemaliger Mitarbeiter des amerikanischen Großveranstalters und Zirkusunternehmers Barnum, Nat. Behrens, der für Hunt tätig war. Um keinen Zweifel an der Echtheit der Zulus aufkommen zu lassen, ließ sich Behrens schon an Bord der Balmoral Castle von allen Passagieren und Crewmitgliedern attestieren, dass es sich um echte Zulus handelte. 1

Weiterlesen „Die „Zulu-Prinzessin“ Amazula – Schauobjekt oder Unterhaltungskünstlerin auf Welttournee (1880 -85)? – Großbritannien – [1/4]“