Die „Zulu-Prinzessin“ Amazula – Schauobjekt oder Unterhaltungskünstlerin auf Welttournee (1880 -85)? – USA – [3/4]

Teil 1/4 Großbritannien
Teil 2/4 Frankreich
Teil 4/4 Deutschland

Erst am 18.03.1881 treffen acht der Zulus mit Farini auf der SS Greece in Hoboken/New York ein. Was haben sie in der Zwischenzeit gemacht? Eine Überfahrt von London nach New York dauerte auch mit dem Dampfschiff nicht zwei Monate, sondern nur gut zwei Wochen. Es sei, wie es sei, direkt nach ihrer Ankunft bringt man sie publikumswirksam in einer offenen Kutsche zu Bunnell’s Museum am Broadway. Ein Museum, dass auch schon nach damaligen Vorstellungen in Anführungszeichen zu schreiben ist. Neben allerlei Skurrilitäten und Monstrositäten sind dort für einen geringen Eintrittspreis auch „lebendige Kuriositäten“ Bestandteil des Ausstellungsprogramms. Man bekam dort für wenig Geld also viel Aufregendes und Merkwürdiges geboten. Nicht zuletzt auch Angehörige indigener Völker anderer Erdteile. Als Amazula und ihre Gruppe in New York eintreffen, werden bereits einige Zulus in diesem Haus präsentiert. Farini und der Manager des Museums, der angeblich fließend die Sprache der Zulu beherrscht, inszenieren deshalb ein Treffen der bereits anwesenden mit den gerade angekommenen Zulus. Offensichtlich erregt das die erwünschte Publikumsresonanz. Hunderte Menschen stehen vor dem Museum und beobachten die Szenerie. Freudengeheul und Jubel erfüllen die Luft, man tanzt und Amazula bekommt einen wahrhaft royalen Empfang.1 Anschließend wird sie durch das „Museum“ geführt und begegnet dort einem Österreichischen Riesen, der noch größer ist als der Riese Chang. Und selbstverständlich trifft sie auch auf das Mädchen Krao aus Laos, das infolge einer Hypertrichose einen extrem vermehrten Haarwuchs hat und wohl von Farini adoptiert worden war. Dieser vermarktete sie, die wegen ihrer Aufenthalte in Europa bereits Deutsch und Englisch sprach, als Missing Link zwischen Mensch und Affe.2 Doch das ist ein anderes spannendes Thema.

In New York treten Amazula und ihre Gruppe dann ebenfalls in Bunnell‘s Museum auf, wo sie zunächst auch wohnen. Pro Woche bekommt Farini 375 Dollar vom Museum für die Zulus.3 Was die Zulus pro Woche verdienen ist unbekannt.

Anzeige aus Reading-Times (PA), 11.04.1881

Bald aber sind Farinis Zulus dann auf den zu ihrer Zeit größten Bühnen der Welt zu sehen: In William C. Coups United Monster Shows, wo Farini Teilhaber war, vor allem aber in P.T. Barnums Greatest Show on Earth. Riesige Zirkuszelte, die mehrere Manegen umfassten, großflächige Menagerien, in denen auch die Angehörigen fremder Völker präsentiert wurden und diverse andere Attraktionen auf dem Aussengelände und Nebenzelten, machen es möglich, dass zu einer einzigen Show bis zu 10.000 Menschen kommen.

Dieses Plakat (um 1890) gibt einen ungefähren Eindruck davon, wie man sich die Präsentation der Menschen in der Menagerie vorstellen kann.

Zum selbst aus heutiger Sicht riesigen Publikumszuspruch tragen nicht zuletzt Farinis Attraktionen bei: u.a. der bald weltberühmte Elefant Jumbo, die menschliche Kanonenkugel Rosa Matilda Richter (Künstlername: Zazel) und eben auch die Zulus. Besonders hervorgehoben wird dabei, dass die uns bekannten drei Zulufrauen die ersten weiblichen Zulus seien, die jemals amerikanischen Boden betreten hätten. 1884 gibt  Farini an, dass von den 33 Zulus – aufgeteilt in drei Gruppen -, die er mal unter Vertrag gehabt hätte, noch 12 für ihn tätig wären. Echte Zulus! Dieser Hinweis soll andeuten, dass in den 1880er Jahren in der Unterhaltungsbranche auch zahlreiche „Zulus“ unterwegs waren, die tatsächlich aus Hoboken oder der Bronx stammten.

Die in der Menagerie unter dem Label „The Grand Ethnological Congress“ gezeigten Zulus führten dort das Programm auf, das sie schon in England gezeigt hatten. Als Neuerung kam hinzu, dass die männlichen Mitglieder der Zulutruppe nun zuweilen auch an Wettrennen gegen Indianer oder Pferde teilzunehmen hatten.4

Eine besondere Sensation stellte es dar, dass eine der drei Frauen der Zulutruppe, welche ist nicht überliefert, am 21. August 1882 in Rome, N.Y. ein Kind zur Welt brachte. In seinem Route Book hielt Barnum 1882 das so fest: 
“Arrival into the world oft he first American Zulu born in captivity, to use a Jumbonian expression. Signor Farini was delighted, as there is a chance now of one of his many apprentices becoming President of this great republic. “ 5

Nach Angaben der Washington Post bekam das Kind den Namen Francis Joseph, weil seine Mutter angeblich zum katholischen Glauben übergetreten war. Zusammen mit dem Rest der Truppe reiste die Mutter weiter nach Syracuse. Auf Anraten eines Arztes hin, ließ sie das Kind in einer Pflegestelle zurück, um es nach einigen Wochen dann dort wieder abzuholen.6 Ob es dazu kam, wissen wir nicht.

Zu den Episoden, die etwas Licht auf das Leben der Zulus während der Tourneen werfen, gehört eine Geschichte, die sich in Detroit ereignete. Dort hatten an einem Tag mit sensationellen 22.000 Besuchern in zwei Shows nicht Zazel, die menschliche Kanonkugel, der Elefant Jumbo oder was auch immer die meiste Presse bekommen, sondern der „Häuptling“ der Zulus. Obwohl er kein Englisch sprach, hatte er sich in unauffälliger Straßenkleidung vom Zirkus entfernt und war am darauffolgenden Nachmittag von einem Polizisten in einem Saloon im Pontomac-Viertel von Detroit beim Trinken gesehen worden. Da der Polizist nicht wusste, dass der Mann gesucht wurde, unternahm er nichts. Am Abend war er dann trotz gründlicher Fahndung verschwunden. Erst einige Tage später wurde er in einer von Schwarzen bewohnten Siedlung in Windsor/Kanada betrunken aufgefunden. Zunächst weigerte er sich, zurückzukehren, aber nach einem Gespräch mit jemandem, wohl Zazels Schwester (die als Farini-Mitarbeiterin gelernt hatte, ein wenig Zulu zu sprechen), willigte er ein, wieder zur Gruppe zurückzukehren und mit ihr zur Eröffnung der Show in Chicago zu fahren. 7

Überhaupt wird das Trinkverhalten der Zulus in der Presse am Rande immer wieder mal thematisiert. Zum Beispiel in einer kleinen Zeitungsnotiz, in der davon berichtet wird, dass die mit einem Zirkus reisende „Zulu-Prinzessin Amazulu“ betrunken in Scranton, Penn. aufgegriffen und danach in ihr Zuhause (!?) in Providence, R.I. zurückgeschickt worden sei, wo sie einen Bierladen gehabt habe.8 Ob das „unsere Amazula“ ist oder eine, die nur ihren Namen benutzt oder eine Zeitungsente. Gab es möglicherweise Zeiten, etwa im Winter, wo die Artisten im Zirkus nicht unter Vertrag standen und sich auf andere Weise Geld verdienen mussten? Ich weiß es nicht.

Die Indigenen, die im Rahmen von Barnum’s Grand Ethnological Congress auftraten, um 1883

In Leslie’s Illustrated Newspaper vom 25. April 1885 sind einige der Gruppen vorgestellt, die in Barnum’s Grand Ethnological Congress zu sehen waren. Offensichtlich nahm man es da nicht so genau, denn die Gruppe Amazulas trat zu diesem Zeitpunkt bereits in Deutschland auf. Egal! Wichtig ist mir, auf das mittlere Bild in der obersten Reihe hinzuweisen. Es zeigt Amazula mit Kind und drei Kriegern. Und zwar in einer Anordnung, wie sie uns später im Rahmen ihrer Deutschland-Tournee noch einmal begegnen wird. Die Zusammenstellung der Gruppe im Stil von „Papa, Mama, Kind“ und zwei Adjudanten war also bereits in den USA so entwickelt worden. Die Zeit der martialisch wirkenden Zulu-Krieger hatte ihren Zenit da bereits überschritten.

links: Das erste mir bekannte Foto Amazulas, Fotograf: unbekannt, um 1881
rechts: „Zulukrieger, Prinzessin und Kind“; Fotograf Eisenmann, um 1883

Das ist nun die Gruppe, die von nun an gemeinsam auf Tour sein wird: „Prinzessin“ Amazula mit Sohn Umgame und den drei Kriegern Incomo, er wird später zum Häuptlingssohn erklärt, Usofila und Umfula. Auf der Rückseite des Fotos rechts ist vermerkt, dass Amazula 19 Jahre alt sein soll und ihr Sohn 5. Das würde bedeuten, dass Amazula 14 Jahre alt war, als sie nach England kam. Bemerkenswert ist die westliche Kleidung Amazulas. Da ihr Auftrittskostüm später in Deutschland gänzlich anders als auf diesem Foto aussah, gehe ich davon aus, dass man es als amüsant empfand, sie für dieses Bild eigens so herzurichten.

1883 kehrte Farini angeblich nach London zurück, wo er nun versucht mit Pygmäen ebenso große Erfolge zu erzielen. Ob er dabei auch in Begleitung der Zulus war, entzieht sich meiner Kenntnis. Es irritiert mich jedoch, dass ich bei meinen Recherchen keine Quelle fand, die Auskunft darüber gibt, wo sich die Zulugruppe, zu der Amazula gehörte, 1883/84 befand. Weder in englischen noch in amerikanischen Archiven. Eine Anzeige in einem Werbeblatt zu Barnum`s Greatest Show on Earth vom 28. August 1884 deutet jedoch darauf hin, dass in diesem Jahr nur noch eine Gruppe von Zulukriegern ohne Frauen auftrat .9 Wahrscheinlich war das also eine andere Gruppe.

  1. New York Times 19.03. 1881 ↩︎
  2. Lancaster Intelligencer 30.03. 1881 ↩︎
  3. Leadville Daily Herald, 24.03.1881 ↩︎
  4. Blanchard, Pascal: Human zoos : science and spectacle in the age of colonial empires. Liverpool 2008, S. 185f ↩︎
  5. Lindfors, Bernth: Africans on stage: Studies in Ethnological Show Business. , S. 93 ↩︎
  6. The Washington Post, 08. 09. 1882 ↩︎
  7. Peacock, Shane: The Great Farini. Toronto et.al. 1995, S. 270f, ausführlicher Bell, Erin: Beyond the Exhibit: Zulu Experiences in Britain and the United States 1879-1884. Carleton University Ottawa, Ontario, S. 67ff ↩︎
  8. The New York Times 08.10 1882 ↩︎
  9. Courier: P.T. Barnum’s Greatest Show on Earth combined with the Great London Circus for Jackson, August 28, 1884 > http://hdl.handle.net/11134/110002:4145 ↩︎
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Autor: Joern Borchert

Museums- und Ausstellungsberater seit 1991

3 Kommentare zu „Die „Zulu-Prinzessin“ Amazula – Schauobjekt oder Unterhaltungskünstlerin auf Welttournee (1880 -85)? – USA – [3/4]“

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