
Das Stadtmuseum Dresden zeigt bis zum 07.07.2024 die Sonderausstellung „MENSCHENanSCHAUEN. Von Blicken zu Taten“. Im Mittelpunkt stehen dabei die Völkerschauen, die zwischen 1878 und 1934 im Zoologischen Garten in Dresden gezeigt wurden und die Frage, inwieweit sie sozusagen den Urgrund der bis heute verbreiteten rassistisch motivierten Ressentiments und Diskriminierungen darstellen. Die Ausstellung ist als Werksausstellung angelegt, das heißt sie nimmt nicht in Anspruch, das Thema allumfassend und in alle Tiefen gehend zu behandeln, sondern möchte eher Gedanken und Diskussionen zu heutigen Formen des Rassismus, des Othering und den damit verbundenen Ausgrenzungen und Verletzungen anstoßen. Sie ist nicht als Endpunkt, sondern vielmehr als Anfang eines gesellschaftlichen Diskurses gedacht. Freie Flächen in der Ausstellung deuten an, dass sie noch mit neuen Themen und Inhalten gefüllt werden möchten.

Und in der Tat lässt die Ausstellung viele Fragen unbeantwortet.
Das hat mich dazu angeregt, etwas tiefer in die Materie einzusteigen. Ich schmökerte also im Begleitband zur Ausstellung. Gefiel mir ganz gut. Ich wollte es aber genauer wissen und so fing ich an, etwas zu recherchieren. Zunächst vor allem in digitalisierten zeitgenössischen Zeitungen. Ich suchte nach Anhaltspunkten dafür, wie diese Völkerschauen konkret aussahen und wie sie damals in der Öffentlichkeit rezipiert wurden. Wer waren die Akteure in diesem zu seiner Zeit außerordentlich erfolgreichen Veranstaltungsformat? Wie sahen die Bedingungen aus,unter denen die Menschen aus aller Welt vor Publikum auftraten? Was transportierten diese Völkerschauen absichtlich – oder auch unabsichtlich? Wie haben sie unseren Blick auf die Welt verändert und geprägt?
Nun ja, es kam, wie es kommen musste: Wollte ich erst nur mal kurz gucken, was so in den Zeitungen über die Völkerschauen zu finden war, so ergab eine Recherche die nächste und ich tauchte in die Thematik sehr viel tiefer ein, als das ursprünglich geplant war. Bald war klar, dass ich andere an meinen Recherchen teilhaben lassen und etwas dazu schreiben wollte. Als kleinen Beitrag zur virtuellen Füllung einer dieser leeren Flächen in der Ausstellung.
Prinz Dido aus Kamerun oder der Beginn meiner Recherchen
Zunächst blieb ich bei meinen Recherchen an „Prinz Dido aus Didotown mit Familie und Gefolge“ hängen. Diese Gruppe aus Kamerun hielt sich 1886 unter anderem in Dresden auf. Spannend erschien mir daran, dass man diese Gruppe zwar wie eine Völkerschautruppe auf der Völkerwiese im Dresdner Zoo präsentierte, Prinz Dido aber auch am kaiserlichen Hof in Berlin empfangen wurde und dort vom Kronprinzen eine goldene Kette mit Medaillon als Geschenk überreicht bekam. Quasi als diplomatischer Vertreter der seit 1884 bestehenden deutschen Kolonie Kamerun. Eine spannende Gemengelage.

Aus: Ulrich van der Heyden/Joachim Zeller (Hg.): Koloniale Metropole Berlin. Eine Spurensuche, Berlin 2002, S. 149
Glaubt man Zeitungsberichten, so war Prinz Dido ein ausgesprochen charismatischer Mann. Er und die ihn begleitende Gruppe werden einerseits als exotische Menschen im wahrsten Sinne des Wortes vorgeführt, andererseits aber wurde er zugleich als so etwas wie ein potentieller Geschäftsvermittler im Hinblick auf die gerade geschaffene Kolonie Kamerun behandelt. Eine höchst spannende Geschichte. Allerdings eine Geschichte, die schon erzählt worden ist, wie ich schnell herausfand. Von dem Kameruner Germanisten und Kulturwissenschaftler Albert Gouaffo. Die Kurzfassung dieser Geschichte ist nach Gouaffo diese:
„Hagenbeck ließ 1885 von Agenten aus der Kolonie Kamerun eine Gruppe von acht Personen mit Hab und Gut (466 ethnographische Objekte) mit dem Woermann-Dampfer nach Hamburg bringen. Sie gastierte daraufhin für vier Monate im deutschen Kaiserreich. Die Gruppe bestand aus dem Prinzen Samson Dido mit Sohn, zwei seiner Frauen und seinem Gefolge. Prinz Samson Dido aus Kamerun sollte während seines Aufenthaltes mit seiner Truppe lebhafte Tänze vorführen, Trommelkonzerte anbieten, Gefechtsübungen und auch Kanufahrten, wo immer es Wasser gab. Er zeigte den Deutschen, wie in Kamerun mit der Trommel telegraphische Nachrichten über große Distanzen gesendet wurden.
> https://albert-gouaffo.com/2021/10/der-prinz-samson-dido-aus-kamerun-in-hamburg-bei-carl-hagenbeck/
Die Gruppe kam 1886 in Hamburg an und gab Gastspiele in Hamburg, Berlin, Leipzig und Dresden. Die Initiative war nach Ansicht der Veranstalter ein Erfolg. Die Eintrittspreise für Gastspiele lagen zwischen 25 und 50 Pfennig und waren deshalb auch für kleine Verhältnisse erschwinglich. (…)
Neben seinen Aufgaben als performativer Künstler wurde Prinz Dido von seinem Manager Carl Hagenbeck interessierten deutschen Unternehmern vermittelt. Er wurde jetzt als Mittler zwischen Kaufmannschaft und Kolonie eingesetzt. Er wurde Rohstofflieferant oder Botschafter zwischen der Kolonie und dem Mutterland. Er besichtigte Firmen, die ihm ihr Produktionsverfahren zeigten und ihm Fertigprodukte als Andenken gaben – eine Art moralische Korruption. In welchem Sinn Prinz Dido die Erfahrungen seines Deutschlandaufenthalts nach seiner Rückkehr in Kamerun verwerten konnte, steht nicht fest.“
Wer mehr über die Geschichte Didos wissen möchte, dem sei Gouaffos Beitrag „Prince Dido of Didotown and ‘Human Zoos’ in Wilhelmine Germany: Strategies for Self-Representation under the Othering“ in dem von Eve Rosenhaft und Robbie Aitken herausgegebenen Buch Studies in Transnational Practice in the Long Twentieth Century (Migrations and Identities, Band 2), Liverpool University Press 2013 empfohlen. [Auszugsweise bei Google Books]
Auf die Dresdner Station Didos geht Gouaffo nicht ein. Um eine Vorstellung davon zu geben, wie sein Besuch in Dresden aufgenommen wurde, füge ich einen kleinen Ausschnitt aus den Dresdner Nachrichten vom 01.09.1886 hier bei:
Womöglich schreibe ich später mehr über den Besuch Didos in Dresden. Mal sehen.
Im Zuge meiner Recherchen stieß ich jedoch auf eine andere Person beziehungsweise Gruppe, deren Geschichte bisher nur peripher bekannt ist. Die einer Frau, die zwischen 1880 und 1885 als „Zulu-Prinzessin Amazula“ in Großbritannien, Frankreich, den USA und Deutschland auftrat bzw. vermarktet wurde. Ihre Geschichte möchte ich in den nächsten Blogbeiträgen schildern. Hier.
