Video und kurze Kritik zur Sonderausstellung im
Deutschen Hygiene-Museum
Neulich war ich – wie schon so oft – mal wieder im Hygiene-Museum, um mir kurz die neue Sonderausstellung anzusehen. Ich wollte herausfinden, ob sich ein ausführlicherer Besuch in Begleitung meiner Partnerin lohnen würde und beschäftigte mich in der Kürze der Zeit nur sehr oberflächlich mit den Inhalten. Denn hauptsächlich war mein Plan, etwas Bildmaterial zu sammeln. Da ich seit kurzer Zeit mit einem Programm zum Videoschnitt spiele, wollte ich an diesem Beispiel mal versuchen, ein kleines Video zu einer Ausstellung herzustellen.
Warum ein Ausstellungsvideo?
Meist erfährt man in den Medien von Ausstellungen. Nur die ganz großen schaffen es zur Eröffnung auch in’s Fernsehen, sodass man einen ersten visuellen Eindruck davon bekommt, was einen erwartet. Die Printmedien bereiten in der Regel mehr oder weniger ausführlich meist nur das auf, was sie in Form einer Presseinformation bekommen haben. Darin geht es ganz überwiegend um die Inhalte beziehungsweise das, was die Ziele der Ausstellungsmacher sind. Aber die Inhalte einer Ausstellung sind zwar ein wichtiger Teil, jedoch nur ein Teil dessen, was ein Ausstellungserlebnis ausmacht. Eine Ausstellungskritik die Ausstellungen als Ganzes in den Blick nimmt, existiert im deutschsprachigen Raum praktisch nicht. Eine Kritik, die die Dramaturgie einer Ausstellung, ihre didaktische Aufbereitung, ihr ästhetisches Erscheinungsbild und alles, was Freude oder Ärger beim Besuch hervorrufen könnte, ist nur höchst selten zu beobachten. Wenn, dann nur in Fachpublikationen und da auch nicht oft. Ob das etwas mit kulturellen Traditionen, Zeitnot, Desinteresse oder Unvermögen zu tun hat, kann ich nicht entscheiden. Wahrscheinlich mit allem etwas. Sicher ist auch nicht unbedeutend, dass es da so eine Art stilles Übereinkommen gibt, die Arbeit von Kollegen und Akteuren der Branche nicht zu kritisieren, um der Politik keine Anhaltspunkte für weitere Budgetkürzungen zu liefern. Also enthält man sich aller Bewertungen, es sei denn, sie sind positiv.
Damit Sie sich einen ersten Eindruck von der aktuellen Sonderausstellung machen können, hier nun also das Video. Zugleich bekommen Sie auch einen Eindruck davon, dass ich ein blutiger Anfänger bin, was die Produktion von Videos betrifft. Um es mir etwas einfacher zu machen, habe ich auf einen Sprachkommentar vorerst verzichtet. Ich bitte um Nachsicht.
Eine kurze Ausstellungskritik
Die Inhalte der Ausstellung stammen federführend von
+ Neli Wagner (DHMD), Kuratorin und Projektleitung
+ Nele-Hendrikje Lehmann (DHMD), Co-Kuratorin und wissenschaftliche Mitarbeit
Janek Müller (Berlin) erarbeitete die Dramaturgie & Szenographie

Natürlich waren an der Erarbeitung und Herstellung dieser Ausstellung sehr viel mehr Personen beteiligt. Ist ja klar und in Häusern dieser Größenordnung üblich.
Wie gesagt: der Ausstellungsbesuch war kurz. Sicher werde ich mir die Ausstellung noch einmal in Ruhe ansehen, um die immense Fülle der Ausstellungsinhalte und Medieninstallationen erfassen zu können. Aber er war lang genug, um mir eine Meinung dazu bilden zu können.
Um das Erscheinungsbild der Ausstellung einordnen zu können, sei vorausgeschickt, dass das DHMD schon länger „einen ökologisch nachhaltigen Ausstellungsbau“ anstrebt. Es werden also möglichst viele Materialien aus vorhergehenden Ausstellungen wiederverwendet und zahlreiche Vitrinen und Teile der Licht- und Medientechnik stammen aus dem Bestand des Hauses. So liest man in der Pressemappe zur Ausstellung. In einem Haus dieser Größenordnung ist das, was in kleineren Museen übrigens noch nie anders war, durchaus hervorhebenswert und wahrscheinlich auch ökologisch sinnvoll. Die wiederverwandten Elemente werden sogar mit einem hauseigenen Nachhaltigkeitslabel gekennzeichnet. Zugleich macht man damit aber auch deutlich, dass man darum bemüht ist, Kosten einzusparen, was bei den aktuellen Mittelkürzungen, denen das DHMD aktuell ausgesetzt ist, sicher auch in ökonomischer Hinsicht Sinn macht.
Der ökologische Aspekt dominiert die Inhalte der Ausstellung in sehr vielen Bereichen. Schließlich sollen die Besucher dazu angeregt werden, mit dieser verantwortungsbewußt umzugehen, worauf gleich zu Beginn in der Pressemappe hingewiesen wird:
In Folge der globalen Klimakrise rückt die Zusammensetzung dessen, was Menschen „Luft“ nennen,
in den Fokus aktueller gesellschaftlicher Debatten. Lange Zeit galt der Luftraum als ein „Niemands-
land“, in das unbedenklich Schadstoffe ausgestoßen werden konnten. Heute wächst das Bewusst-
sein dafür, dass die Luft als ein globales Gemeingut zu begreifen ist, für dessen Nutzung verbindliche
Regeln und Verantwortlichkeiten vereinbart werden müssen.
Diese Zielsetzung bringt aber auch mit sich, dass Vieles von dem, was einem vielleicht beim Thema Luft in den Sinn kommt, in der Ausstellung keinen Platz findet. Es hat mit der Ausrichtung des Hauses zu tun, dass etwa der Luftraum als Ebene der Fortbewegung ausgespart bleibt, sieht man einmal von den Ödipalen Komplikationen (Flugversuch) ab, einer Fotoserie von Anna und Bernhard Blume. Nein, Luftballons gibt es auch keine zu sehen. Zwar kommen medizinische Themen zumindest am Rand auch zum Tragen, aber eine Eiserne Lunge erschien dem Ausstellungsteam wohl zu abgedroschen.
Die Gestaltung
Im Eingangsbereich wird der Besucher von einer Wandinstallation empfangen: dem Luftarchiv. Es besteht aus Plastikbeuteln, in denen sich anscheinend leere Marmeladengläser befinden. Einem Sammlungsaufruf folgend, haben Menschen Luft aus unterschiedlichsten Kontexten in diesen Gläsern eingeschlossen und kurze Texte dazu verfasst, was diese Luft für sie bedeutet. Eine hübsche Idee.
Betritt man den ersten Ausstellungsraum fällt einem zunächst eine Videoprojektion in‘ Auge. Projiziert auf einen etwas roh wirkenden „Nebelfänger“, der in niederschlagsarmen Regionen der Welt dazu dienen soll, Wasser aus der Luft zu sammeln. Mehrere dieser Nebelfänger bilden das szenografische Leitmotiv dieses Raums. Mich haben sie als Informationsträger nicht überzeugt, da mir schien, die Form sei hier wichtiger als der Inhalt. Aber das schaue ich mir beim nächsten Besuch noch einmal genauer an. Ansonsten ist dieser Raum wie alle anderen auch von einer gewissen Kleinteiligkeit bestimmt. Von einem Geschnatter miteinander konkurrierender Gegenstände und Informationen.
Der zweite Raum der Ausstellung, versehen mit der Überschrift „Vermessen – Luft unter Kontrolle“ wird von den Rohren einer Klimaanlage dominiert, die auch als Träger für die Vitrinen und Medienstationen dienen. Unweigerlich denkt man daran, was getan wird, um die Luft zu regulieren, zu messen und zu analysieren. Das passt.
Der letzte Raum der Ausstellung hat das Flair eines etwas seltsamen, anämischen Labors mit vielen Arbeitsplätzen und Terminals und irgendwie kommt man sich dort etwas verloren vor. Die Überschrift: „Streitbar. Luft als Gemeingut“. Es geht darum, was getan werden kann und muss, um unser aller Luft zu schützen. Etwas irritierend und daher aufmerksamkeitsanziehend wirkt in diesem Raum jedoch die Installation von Nils Völker, der 18 Plastiksäcke unter die Decke gehängt und in atmende Organismen verwandelt hat. Kann man machen.
Ist diese Ausstellung inklusiv?
Der taktile Plan im Eingangsbereich zur Ausstellung ist zwar für alle interessant, deutet aber vor allem an, dass man selbstverständlich auf Barrierefreiheit und Inklusion Wert legt. In der Ausstellung selbst ist mir das eher nicht bewusst geworden, aber das kann ich ja auch nicht wirklich beurteilen. Da im DHMD die Prinzipien der Barrierefreiheit und Inklusion betont und ganz überwiegend auch vorbildlich umgesetzt werden, kam mir während meines kurzen Rundgangs die Frage in den Kopf, wie inklusiv diese Sonderausstellung eigentlich ist und was Inklusion bedeutet.
Wie vom DHMD gewohnt, so ist auch diese Ausstellung ausgesprochen multimedial angelegt. Neben nicht wenigen, zum Teil sehr interessanten und auch lustigen Exponaten zur Natur- und Kulturgeschichte und einigen Kunstwerken gibt es eine Fülle von Terminals und Hörstationen. Die Ausstellung ist also höchst interaktiv und partizipativ angelegt. Wie lang muss ein Ausstellungsbesuch eigentlich sein, um alle Angebote wahrnehmen zu können, hab ich mich gefragt. Zwei Stunden dürften kaum reichen, denke ich. Das setzt nicht geringes Auffassungs- und Konzentrationsvermögen voraus und -ja!- auch ein gewisses Bildungsniveau.
Wenn Inklusion bedeutet, dass niemand, wirklich niemand, egal woher er kommt, was er ist oder welche Beeinträchtigung er hat, ausgeschlossen werden darf, abzuholen und mitgenommen werden muss, so ist diese Ausstellung aus meiner Sicht nur unvollkommen inklusiv. Zwar gibt es einige Objekte, Bilder und Installationen, die für alle attraktiv sind, aber inhaltlich ist sie insgesamt doch so anspruchsvoll, dass manch einer damit überfordert sein dürfte.
Im letzten Jahrhundert gab es in vielen musealen Kreisen das Bestreben, Museen für alle zu schaffen. Das hat nicht wirklich funktioniert. Und inzwischen ist dieses Ziel ganz in’s Hintertreffen geraten. Es setzte voraus, dass die wissenschaftlichen Mitarbeiter der Museen von ihrem hohen Roß herabstiegen und sich auf Augenhöhe mit den „Alltagsmenschen“ begaben. Das war nicht allen recht. Man täte dem DHMD Unrecht, wenn man ihm unterstellt, es gehöre in diese Schublade. Kaum ein anderes Museum in Deutschland ist so publikumsorientiert wie dieses Haus.
Doch im Falle dieser Ausstellung frage ich mich, für wen diese Ausstellung eigentlich gemacht ist. Obiges Zitat bringt die edukative Zielsetzung dieses Ausstellungsvorhabens deutlich zum Ausdruck. Schaut man sich das Publikum in diesem Haus an, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, mal abgesehen von den zwangsvorgeführten Schulklassen, dass wir es hier ganz überwiegend mit Menschen höherer sozialer Schichten mit entsprechenden Bildungsabschlüssen zu tun haben. Menschen, denen klar ist, dass Luft ein höchst schützenswertes Gut ist. Warum also formuliert die Direktorin des Hauses dieses Erziehungsziel? Die, die das noch nicht begriffen haben, kommen freiwillig doch erst gar nicht. Dient es der Selbstvergewisserung und der Bestätigung, dass man selbst auf der richtigen Seite steht? Ich weiß es auch nicht. Ich weiß nur, dass mich diese Ausstellungen, die mir mit erhobenem Zeigefinger sagen, was ich zu denken habe, mehr und mehr nerven. Mir reicht es vollkommen, wenn ich einer Ausstellung die Fakten dargelegt bekomme und selbst entscheiden darf, welche Schlussfolgerungen ich daraus ziehe.
Wie auch immer, ich werde die Ausstellung nochmals besuchen, den Zeigefinger ignorieren und mich dann eingehend mit den Inhalten befassen.
Wer mehr über die Ausstellung wissen will, der besucht die Internetseite, liest die Pressemappe oder besucht den Blog von Dominic Schmiedl