Welt im Wandel – Das Rheinland vom Mittelalter bis Morgen

Ein kritischer Besuch


Es geht darum, dass die Dauerausstellung des LVR.Landesmuseum Bonn neu konzipiert und umgestaltet wurde. Wieder einmal. Die letzte Umgestaltung um die Jahrtausendwende, deren Ziel es war, die archäologischen mit den kunsthistorischen Sammlungsbeständen weitmöglichst zu verzahnen und so die Zweiteilung des Hauses aufzuheben, führte zu einer Strukturierung des Hauses, die sich an zeitlich übergreifenden Themenstellungen orientierte. Das zwang die Teams der Archäologie und der Kunstgeschichte eng miteinander zu kooperieren und über den jeweils eigenen Tellerrand zu schauen. Besitzstandswahrung und eine gering ausgeprägte geistige Beweglichkeit mancher Mitarbeiter ließ schon in der Konzeptionsphase, an der ich übrigens mitwirkte, ahnen, dass diese Herangehensweise zum Scheitern verurteilt war. So ist es nicht verwunderlich, dass sich das „Themenmuseum“ mangels Identifikation der Mitarbeiter mit ihrem Museum in den Folgejahren nicht etablieren konnte. Dazu kam ohne Zweifel der Wunsch der Lehrerschaft und vieler Vertreter des größeren Publikums nach einer chronologischen Darstellung der Geschichte.


Zurück auf Anfang. 2018 begannen die überwiegend neuen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen damit, das Landesmuseum wieder neu zu konzipieren, „um dem eigenen Anspruch an Partizipation und Inklusion gerecht zu werden“, gänzlich barrierefrei und interaktiv. Inhaltlich sollten die „Objekte (…) entlang des roten Fadens der Zeit epochengeschichtlich-thematisch“ präsentiert werden.[LINK] Und nun sehen wir, was dabei herausgekommen ist.
Am 29. September 2023 öffnete das neugestaltete LVR-LandesMuseums Bonn unter der Aegide seines Direktors Prof. Dr. Thorsten Valk (Germanist) also wieder seine Pforten. Zumindest teilweise. Eine kurze Vorstellung davon wie man sich die zukünftige Abteilung der Archäologie, die im Herbst 2024 eröffnet werden soll, vorzustellen hat, bekommt man im Eingangsbereich, wo eine Ausstellungseinheit dem berühmtesten Exponat des Museums, dem Skelett des Neandertalers gewidmet ist und – eine Treppe höher – in einem kleinen Bereich zum römischen Legionslager in Bonn. Beide Bereiche wie auch die Dauerausstellung – gestaltet vom Düsseldorfer Büro nowakteufelknyrim – gefielen mir in ihrer multidimensionalen Darstellungsweise ausgesprochen gut.


Aber nun zur neuen Dauerausstellung mit dem anspruchsvoll-mutigen und deshalb neugierig machenden Titel „Welt im Wandel – Das Rheinland vom Mittelalter bis Morgen“. In der Pressemappe lese ich, was ich erwarten kann.


„Neuer Blick auf das Rheinland

Wie haben die Menschen im Rheinland gelebt? Mit welchen Herausforderungen waren sie konfrontiert? Welche Antworten geben Kunstwerke und Objekte auf Fragen unserer Zeit? Der epochengeschichtliche Rundgang nimmt die wechselvolle Geschichte des Rheinlands neu in den Blick und zeigt die bedeutende Kulturregion Europas als eine Welt, die seit dem Mittelalter in stetem Wandel begriffen ist. Rund 400 Exponate – darunter Skulpturen, Gemälde, Grafiken, Fotoarbeiten und Kostbarkeiten des Kunsthandwerks – erzählen vom Leben und Alltag der Menschen am Rhein, aber auch von gesellschaftlichen Veränderungen und neuen kulturellen Perspektiven.“


Wow. Das klingt nicht schlecht und kommt dem nahe, was ich von einem Landesmuseum erwarte und ein neuer, frischer Blick auf Leben und Alltag der Rheinländer ist ja auch immer gut. Das könnte spannend werden.

Die neue Dauerausstellung besteht aus drei Bereichen:

• DIESSEITS UND JENSEITS – VOM MITTELALTER ZUR RENAISSANCE
• MÄRKTE UND MÄCHTE – VON DER RENAISSANCE ZUM BAROCK
• GEFÜHL UND GESELLSCHAFT – VON DER ROMANTIK BIS ZUR GEGENWART


Und da schwant mir schon was. Irgendwie klingt diese Epocheneinteilung wie die Gliederung eines populärwissenschaftlichen Werks zur europäischen Kunstgeschichte, der man Themenfelder zugeordnet hat um sie etwas interessanter klingen zu lassen. Dabei ist keines der Themen tatsächlich kennzeichnend für die Epoche, der sie zugeordnet sind, sondern ein Konstrukt der Ausstellungskonzeptioner. Das verengt den Blick. Das mag ein neuer Blick sein, ist aber nicht gut – und Alliterationen machen das auch nicht besser. Und überhaupt, hatten die Menschen im Mittelalter keine Gefühle? Was ist mit dem Jenseits in der Gegenwart oder den Märkten und Mächten zu Beginn des 19. Jahrhunderts? Naja, Kunsthistoriker und Kunsthistorikerinnen fällt es halt schwer, sich der Korsette zu entledigen, die man ihnen im Studium aufgezwängt hat. Den allermeisten gelingt das übrigens nie. So ist es nicht verwunderlich, dass das Gros der Ausstellungstexte und Bilderläuterungen sich im Rahmen dessen bewegt, was man im Kunstgeschichtsstudium gelernt hat. Das bringt dann leider auch mit sich, dass oftmals ein gewisser Bildungsstand notwendig ist, um den Ausstellungstexte etwas abgewinnen zu können und auch, dass die naheliegendsten Fragen nicht beantwortet werden.

Ausstellungsansicht Reformation, © LVR-LandesMuseum Bonn, Foto: Jürgen Vogel


Ob alle verstehen, was es bedeutet, wenn sie lesen, dass die Darstellung der Versuchung Christi von Bartholomäus Bruyn d.Ä. „mit ihrer polemisch zugespitzten Bildrhetorik typisch für die Zeit der großen konfessionellen Unruhen“ ist? Nebenbemerkung: Abkürzungen sollten in Ausstellungstexten stets vermieden werden. Nicht, dass irgendwer denkt, Bruyns Kumpel hätten ihn „das Äffchen“ genannt. Wer ist überhaupt Bruyn? Muss man den kennen? Auch dürften in den heutigen säkularen Zeiten nur wenige Besucher wissen, was die drei Versuchungen Christi sind. Wie auch immer, solche Formulierungen und Texte wirken hochnäsig und nehmen das Publikum nicht ernst. Sie machen nur müde und nehmen keine Rücksicht auf das, was man sich bei der Betrachtung dieses Bildes zunächst mal fragt. Etwa was die beiden Typen für schräge Klamotten anhaben. Warum hat der eine einen Schwanz und Krallen an den Füßen? Was ist das links unten für eine komische Zwergenfigur? Was ist das für eine Stadt im Hintergrund? Köln ist es ja nicht. Wo spielt sich diese Szene also ab? Und so weiter. Alles Fragen, die nicht beantwortet werden. Dafür bekommt man Antworten auf Fragen, die man gar nicht hatte. Wie in so vielen Museen und Ausstellungen.
Um fair zu sein: Die noch (?) recht wenigen Beiträge, die der Mediaguide ergänzend liefert, sind besser gelungen als die Texte in der Ausstellung. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf Details im Bild und liefern zum Teil recht interessante Geschichten, die für das Verständnis des Gezeigten von Bedeutung sind. Wie oft dieser Mediaguide allerdings von den Besuchern genutzt wird, vermag ich nicht zu sagen. Ich fürchte eher selten. Das ist dumm. Nehmen Sie also Ihr Handy mit. Und auch die dazu passenden Kopfhörer!!
Die meisten der Kunstwerke, die im Landesmuseum gezeigt werden, haben mehr oder minder einen wie auch immer gearteten Bezug zum Gebiet der alten Preussischen Rheinprovinz (mit Ausnahme des Regierungsbezirks Trier). Daneben sind die zahlreichen Gemälde niederländischer Provenienz zu erwähnen, die sich zu großen Teilen in einem eigenen Kabinett befinden.

Ausstellungsansicht Niederländer-Kabinett, © LVR-LandesMuseum Bonn, Foto: Jürgen Vogel


Diese Gemälde können dort mittels Tablets „gescannt“ werden, um zu den Erläuterungen zu gelangen. Funktioniert sogar. Überhaupt gibt es neben dieser Medienstation noch drei weitere. Darüber hinaus gibt es sechs Mitmach-Stationen, die sich vor allem an Kinder wenden (Ankleiden eines barocken Ballkleides, Zusammenstellung eines eigenen Tafelbildes etc.) sowie zwölf (so in der Pressemappe) oder 17 (so im Mediaguide) „inklusive Panels“ zum Tasten, Riechen und Hören, die weitgehend barrierefrei sind. Ob mit diesen Angeboten der eigene Anspruch an Inklusivität eingelöst wird? Naja, diese Gimmicks sind halt nur punktuell eingestreut und es wird nicht klar, nach welchen Kriterien sie eingefügt wurden. Einen durchgängigen Rundgang durch die Dauerausstellung erlauben sie den Personengruppen, die damit erreicht werden sollen, jedenfalls nicht.


Ach so, der zeitliche Bogen soll ja im Landesmuseum bis in die Zukunft reichen. Das soll mit einer Art Bühne in der Tageslichthalle des Hauses eingelöst werden. Motto: Das „Museum der Zukunft“. Vorab: Nein, es wird nicht danach gefragt, welche Ausstellungsinhalte zukünftig gewünscht sind. Vielmehr geht es darum:

„Das offene Ideen- und Debattenforum im Zentrum der neuen Dauerausstellung lädt zu Gesprächen und Austausch über aktuelle Themen und Zukunftsfragen ein, die halbjährlich wechseln. Den Auftakt macht das Thema „Nachhaltigkeit“.“

Offenbar funktionieren weder die dafür gedachte Technik (Beamer) noch – mangels Besuchermassen – die Debatten und der Austausch. Stattdessen kann man auf Tablets so sinnige Fragen beantworten wie, ob man damit einverstanden wäre, den CO²-Ausstoß zu reduzieren, indem das Museum zukünftig auf den Leihverkehr verzichtet und stattdessen 3D-Animationen oder detaillierte Scans anstatt der originalen Objekte zeigt. Oder ob man es hilfreich fände, mehr darüber zu erfahren, wie die Menschen in der Vergangenheit nachhaltig gehandelt haben. Wenn ja, wovon man auszugehen scheint, dann wie? Mit Ausstellungen, Führungen, Mitmach-Angeboten oder Informationen über nachhaltige Museumsarbeit? Das Highlight ist die Frage: „Von welcher Zukunft träumst Du?“ Heiliges Blechle. Haben die da im Museum eigentlich nichts Besseres zu tun, als sich solche Fragen auszudenken und mit dieser Bühne die zentrale Tageslichthalle, den wohl besten Ausstellungsraum des Hauses, zu blockieren? Soviel zum partizipativen Teil des Landesmuseums.

Kleine Auswahl von den Erwerbungen des Landesmuseums während der Besetzung Frankreichs im Bestand des Archivs des LVR, Akte 22790


Richtig doof finde ich allerdings, nein, richtig ärgerlich macht es mich, dass ausgerechnet im Landesmuseum Bonn so gut wie gar nichts zur Provenienzforschung gesagt wird. Und das obwohl am eigenen Haus – aus guten Gründen – eine eigene Provenienzforscherin tätig und in unmittelbarer Nachbarschaft sogar die Koordinationsstelle für Provenienzforschung in Nordrhein-Westfalen ansässig ist. Bei den Objekterläuterungen findet man im Kleingedruckten lediglich die Angabe von wem es erworben wurde. Etwa „aus Privatbesitz“ oder von welchem Auktionshaus oder „Dauerleihgabe der Bundesrepublik Deutschland“. Das ist überhaupt nicht auf der Höhe der Zeit. Kein Wort darüber, dass das Rheinische Landesmuseum während der nationalsozialistischen Zeit eine sehr bedeutende Rolle beim Kunstraub in Frankreich, den Niederlanden und Belgien spielte. Auch nichts dazu, dass sich hinter der Angabe „Dauerleihgabe der Bundesrepublik“ Kunstwerke verbergen, die aus ehemaligen „Reichsbesitz“ stammen. Werke also, die sich nach dem Ende der NS-Zeit etwa in den Beständen des „Führermuseums“ in Linz oder in den Sammlungen prominenter Nazis befanden und deren Provenienz nicht geklärt werden konnte, sodass eine Restitution unmöglich war. Wahrscheinlich waren viele von Ihnen ns-verfolgungsbedingt jüdischen Vorbesitzern in ganz Europa entzogen worden. Auch nichts dazu, von welchen Galerien und Auktionshäusern zwischen 1933 und 1945 Kunstwerke erworben wurden. Viele davon machten nicht unbedeutende Gewinne mit dem Handel von Werken aus vormalig jüdischem Besitz. Unbegreiflich, dass das alles bislang keinerlei Rolle in der neuen Präsentation spielt. Ebenso unbegreiflich, dass im Ausstellungsbereich zur Kunst des 20. Jahrhunderts keinerlei Hinweis auf rheinische Künstler zu finden ist, die während der NS-Zeit eine prominente Rolle im Kunstbetrieb spielten, etwa Arno Breker oder Werner Peiner, der neben seiner eigenen künstlerischen Tätigkeit die „Hermann-Göring-Meisterschule“ in Kronenburg leitete. Warum macht man im Landesmuseum immer wieder einen großen Bogen um die NS-Zeit, die Bonner Kunstgeschichte (!) und die Rolle des Hauses im Nationalsozialismus? Welche Gründe gibt es dafür?


Zum Schluss: Auch wenn es keinen Museumsshop gibt und das Restaurant etwas teuer ist, so ist das Personal doch recht freundlich und gibt sich alle Mühe, den Besuch im Landesmuseum angenehm zu machen. Das Landesmuseum Bonn präsentiert in seiner neugestalten Dauerausstellung eine Fülle sehr bemerkenswerter Kunstwerke und ist also bei allen Mängeln durchaus einen Besuch wert. Auch wenn man nur wenig darüber erfährt – siehe oben – wie die Menschen im Rheinland gelebt haben. Aber wir wissen ja: nach der Neukonzeption ist vor der Neukonzeption.

Avatar von Unbekannt

Autor: Joern Borchert

Museums- und Ausstellungsberater seit 1991

Ein Gedanke zu „Welt im Wandel – Das Rheinland vom Mittelalter bis Morgen“

  1. Lieber Joern, danke für die kluge Rezension. Ich werde sehen, dass ich bald auch mal in Landesmuseum komme, um mir ein Bild zu machen. Das, was du schreibst, klingt einerseits gut. Andererseits stellst du die richtigen kritischen Fragen. Wäre super, wenn die Kolleg:innen es lesen.

    Liebe Grüße von Anke

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