Die „Zulu-Prinzessin“ Amazula – Schauobjekt oder Unterhaltungskünstlerin auf Welttournee (1880 -85)? – Großbritannien – [1/4]


In meinem letzten Blogbeitrag hab ich nicht nur den Beginn meiner Recherchen zu den Menschenschauen im 19. Jahrhundert geschildert, sondern auch die Geschichte des Prinzen Dido zumindest angerissen. Im Zuge meiner Recherchen stieß ich aber auch noch auf eine andere Geschichte. Ebenfalls eine zu einer konkreten Person, mit ebenfalls kolonialem Bezug, hier jetzt nun aber mit Bezug zu den Kolonien des britischen Königreichs im Süden Afrikas. Dort drangen 1879 britische Truppen von Natal aus in das Land der Zulus ein, um es zu annektieren. Am 22. Januar kam es zur Schlacht bei Isandhlwana, bei der die Briten gegen die zwar nur mit einfachsten Waffen ausgerüsteten, zahlenmäßig aber weit überlegenen Zulus unter Führung von König Cetshwayo eine verheerende Niederlage einstecken mussten. Die schwerste einer britischen Feldabteilung überhaupt. Die Konsequenz daraus war, dass die Briten ihr Truppenkontingent in Südafrika erheblich aufstockten, um bereits im Juli 1879 die Armee der Zulu vernichtend zu schlagen und ihr Land unter britische Hoheit zu bringen. Cetshwayo verbrachte man in ein Gefängnis nach Kapstadt. Diese Ereignisse schlugen weltweit, besonders aber natürlich in Großbritannien, hohe Wellen in der Presse. Die Tatsache, dass es einem indigenen Heer – wenn auch nur in einer Schlacht – gelungen war, mit einfachen Speeren (Assagais) eine europäische Supermacht zu besiegen, schien bis zu diesem Zeitpunkt unvorstellbar. Konnte sich so etwas noch einmal wiederholen? 1879 war die Presse also voll mit Berichten aus dem Zululand, heute einem Distrikt innerhalb der südafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal.

Karikatur: A Black „White Elephant“, das eine Szene nach der Gefangennahme Cetshwayos durch britische Truppen darstellen soll. John Bull ist die Personifikation des Königreichs Großbritannien.
„John Bull (puzzled):
„He’s cost me enough to catch him! And now I’ve got him, what am I To do with him?
The Great F-rini (with alacrity):
Might I suggest the Aquarium?“
(aus The Punch, or The London Charivari, 27 September 1879)

Was lag für einen geschäftstüchtigen Veranstaltungsmanager wie dem „Großen Farini“ (= William Leonard Hunt, 1838-1929) also näher, als Zulus nach England zu „importieren“, um sie dort öffentlich zu präsentieren? Noch während der Auseinandersetzungen in Südostafrika gelangten so 1879 einige Zulus nach Großbritannien. Zuständig für die Überführung der Zulus war ein ehemaliger Mitarbeiter des amerikanischen Großveranstalters und Zirkusunternehmers Barnum, Nat. Behrens, der für Hunt tätig war. Um keinen Zweifel an der Echtheit der Zulus aufkommen zu lassen, ließ sich Behrens schon an Bord der Balmoral Castle von allen Passagieren und Crewmitgliedern attestieren, dass es sich um echte Zulus handelte. 1


Bereits Anfang Januar 1880 kehrt Nat. Behrens, den Ernst Wache und Matthias Walter (Mitarbeiter Hagenbecks) begleiten, mit einer größeren Gruppe von wohl knapp 30 Personen aus Südafrika nach London zurück. In seinen Lebenserinnerungen behauptet der amerikanische Zirkusunternehmer W.C. Coup, ein Geschäftspartner von P.T. Barnum, dass diese Zulus zu einer Gruppe gehörten, die sich gegen König Ceteshwayo aufgelehnt und den Briten ergeben hätten. Da sie nun der Gnade der Briten ausgeliefert waren, wurde eine angemessene Gegenleistung vereinbart. Diese bestand darin, der Reise nach England zuzustimmen. Von der Presse bereits im Vorfeld beworben, säumten bei ihrer Ankunft Hunderttausende die Docks an der Themse. 2

Unter den Zulus befindet sich die Prinzessin Amazula, von der gesagt wird, dass sie die Tochter Johanahs, „König von Inchlovo“ im Zululand sei. (Nebenbei: aus Geschäftsgründen bekommt sie später auch schon mal einen anderen Vater zugeschrieben.) Eine fröhlich wirkende, redegewandte (!?) Persönlichkeit, die dem Tanze sehr zugetan sein soll. In ihrer Begleitung befinden sich zwei weitere Prinzessinnen, die sich laut Berichterstatter vor allem durch ihre Muskeln auszeichnen. Überhaupt wird nur die körperliche Beschaffenheit der drei Frauen bewertend beschrieben. Sie werden von vier Herren begleitet, über deren Äußeres nichts gesagt wird. Zunächst wird diese Gruppe in London im York Hotel/Waterloo Road untergebracht.3 .
Schenkt man William C. Coup Glauben [ebd.], so waren nicht alle Londoner mit der geplanten öffentlichen Zurschaustellung der Zulus einverstanden. Sicher war einer der Gründe dafür, dass das Trauma von Isandhlwana noch nicht überwunden und noch immer blutige Auseinandersetzungen im Zululand stattfanden. Anonyme Schreiben sollen bei den Veranstaltern eingegangen sein, die mit dem Tode drohten, sollten die Zulus ausgestellt werden. Auch der britische Innenminister soll zunächst eine Verfügung erlassen haben, die ihre Auftritte untersagte. 4 Doch am Ende ist das Interesse des Publikums an diesen so furchterregenden Zulus dann doch so groß, dass die Restriktionen aufgehoben werden und Farini endlich seine Zulus im „Aq“ präsentieren kann.

So wie es den Anschein hat, geben sie zwischenzeitlich im Januar ein kleines Gastspiel im Aquarium von Brighton. , danach dann im erst 1878 eröffneten Royal Aquarium in London-Westminster. Beide waren vor allem für Vergnügungen aller Art errichtet worden. Neben Aquarien beherbergten diese Häuser nämlich und vor allem ein Vielzahl von Veranstaltungsräumen nebst Theatern. Offenbar zogen die Zulus die Leute an. In Scharen. An einem Samstagabend wurden in Brighton 2.874 Tickets verkauft.5 Spätestens ab 11. März 1880 traten sie dann im Royal Aquarium in London auf. Die drei Prinzessinnen waren dort nicht zuletzt auch deshalb eine Attraktion, weil ein Baby zur Gruppe gehörte.

Handzettel zum Auftritt der Zulus im Royal Aquarium, 1880
Hier stehen nun bereits Amazula und Incomo im Zentrum der Show. Beachtenswert, dass zu ihr auch ein Kochevent gehört.

Wann und wo die Zulus in welcher Konstellation auftraten, kann ich im Rahmen dieses Blogs nicht klären. Galten die Zulus am Anfang als unfreundliche Gesellen, so wandelte sich das mit der Beendigung der Kampfhandlungen im Zululand bald in’s Gegenteil. Es scheint darüber hinaus zu einigen Wechseln bzw. auch zur Weiterentwicklung des Programms gekommen zu sein.

Ganz überwiegend trat die Truppe, sieht man von kleineren Ausnahmen ab, also im Londoner Royal Aquarium auf. Auf dem Programm standen Kriegstänze-und -gesänge, eine Hochzeitszeremonie, ein Kampf mit Keulen, Feuermachen durch das Reiben von Hölzern etc. Kurzum man gab vor, eine Vorstellung vom Leben der Zulus in Kriegs- und Friedenzeiten zu vermitteln. Das Highlight der Veranstaltung war das Werfen der Assegais (Speere) auf eine Zielscheibe. Also mit den Waffen, mit denen die Zulus im Januar 1879 die Briten besiegt hatten. Das brachte einen gewissen Gruselfaktor mit sich, der das Publikum in besonderem Maße anzog, Politikern im Hinblick auf die Auseinandersetzungen im Süden Afrikas jedoch verständlicherweise ein Dorn im Auge war.

Amazula/Amazulu nahm von Anfang an offensichtlich eine Sonderrolle ein und war der Star der Veranstaltungen. Nicht zuletzt wohl auch, um das zahlende männliche Publikum anzulocken. Warum sie auf dem Plakat nun plötzlich Adza Mvoula heißt? Keine Ahnung. Ist es ihr wirklicher Geburtsname? Vielleicht klang er auch bloß exotischer? Wie auch immer, im Zuge meiner Recherchen stieß ich noch auf weitere Namen: Amazula (meistens), seltener Azambulu/a oder Amadage/a. Ich entscheide mich sie im weiteren Verlauf Amazula zu nennen, nicht zuletzt weil das später ganz überwiegend ihr Name beim deutschen Teil der Tournee war. Weiter erscheint mir hervorhebenswert, dass die Kleidung der abgebildeten Frauen nur wenig bis nichts mit der Bekleidung in ihrem Heimatland zu tun hat und wohl dem viktorianisch-prüden Zeitgeschmack der Engländer angepasst werden musste. Außerdem ist Amazula plötzlich nicht mehr die Tochter Johanahs, sondern die des Königs Cetshwayo. Wie ihre beiden Begleiterinnen nun auch. Das war hinsichtlich des Marketing natürlich sehr viel besser.
Und nicht zuletzt sei darauf hingewiesen, dass sie nun auch Mutter eines kleinen Jungen namens Umgane ist. Warum fand er bei der Ankunft der Truppe in England eigentlich keine Erwähnung? War er vielleicht noch gar nicht geboren und kam erst in England auf die Welt? Auch diese Frage kann ich im Moment nicht beantworten. In einer Werbeanzeige Farinis, die am 10. August 1880 in The Standard erscheint, ist die Rede davon, dass der Kleine nun acht Monate alt sei. Er muss also kurz vor oder kurz nach der Ankunft in England geboren worden sein. Sicher ist hingegen, dass Umgane von Geburt an, aktives Mitglied dieser Showtruppe ist und zumindest die ersten sechs Jahre seiner Kindheit auf der Bühne verbringt. Das geht soweit, dass Farini schon im April 1880 -das Baby ist gerade einmal drei Monate alt – damit wirbt, dass es im Publikum herumgereicht wird.


Auch diese Anzeige weist darauf hin, dass es noch keine feste Gruppe gab, die gemeinsam in immer gleicher Konstellation auftrat. Hier sind es nur zwei der drei Frauen, die gemeinsam mit dem Baby auftraten. Amazula ist anscheinend nicht dabei. Das ist insofern irritierend, als sie ansonsten meist als die Mutter Umgames gilt. Meist! Zuweilen ist es auch Unomodloza.

The Penny Illustrated Paper, 14.02.1880: Cetewayo in Exile and Cetewayos Daughters Wedding Dance at the Westminster Aquarium


Offenbar ging es bei den Vorführungen durchaus recht lebhaft zu. Halt so, wie man es von den „wilden“ Zulus erwartete. Einen besonderen Reiz machte dabei die spärliche Kleidung der Zulus aus. In einer Zeit, wo anständige Menschen keine Haut zeigen durften, setzten diese Auftritte erotische Fantasien frei. Nicht nur bei den männlichen Zuschauern.

Um über die Eintrittsgelder hinaus weitere Einnahmen zu erzielen, ließ Farini eine Reihe von Fotos (carte de visite) der Darsteller produzieren. Sie zeigen jeweils einen einzelnen Zulu in voller Montur vor einer gemalten Landschaft mit Vegetation im Vordergrund und Flusstälern im Hintergrund. Jede Fotografie war auf eine Karte aufgezogen, deren Rückseite Farinis persönlichen Stempel, die Angaben des Fotografen und Hinweise gab, wo weitere Abzüge erworben werden konnten.6
So gut das Geschäft mit den Zulus auch anfangs lief, mit der Zeit ließ das Interesse nach und Farini entschied sich, England zu verlassen und seine Aktivitäten in die USA zu verlagern.
Doch noch am Vorabend ihrer Abreise lädt der Direktor des Surrey Theater in London die zwölfköpfige Zulutruppe nebst Mr. Behrens, der sie vor einem guten Jahr nach England gebracht hatte, werbewirksam zum Besuch einer Abendveranstaltung in seinem Haus ein. So lesen wir in einer Anzeige im Sunday Dispatch vom 16.01.1881. Natürlich sitzen sie dabei wohl kaum im Publikum, sondern werden wieder zur Schau gestellt. Dieses Mal in einem ganz besonderen Outfit. In europäischer Kleidung, die Ihnen offiziell zum Dank für die Erfolge in London von Mr. Farini überreicht wird. Selbstverständlich wird dabei auch darauf hingewiesen, dass Amazula und ihre Hofdamen von Nicholson & Co und die Männer vom bekannten Herrenausstatter Samuel Brothers eingekleidet wurden. Ein weiterer Höhepunkt des Abends soll dann die „Pantomime Hop O‘ My Thumb“ als Abschiedsgruß für das Publikum zur Aufführung kommen. Um dem Ganzen eine besondere Dringlichkeit zu geben und die Sentimentalität des Publikums anzusprechen, wird noch fettgedruckt hervorgehoben, dass das ihr letzter Abend in Europa sei, bevor sie am 18. Januar mit dem SS Dunrobin Castle zurück in’s Zululand fahren würden. Doch das scheint wieder einmal nicht ganz der Wahrheit zu entsprechen. Zumindest nicht in Bezug auf die ganze Gruppe. Doch dazu später.

  1. Peacock, Shane: The Great Farini. Toronto et.al. 1995, S. 253ff ↩︎
  2. W.C. Coup: SAWDUST & SPANGLES. Stories & Secrets of the Circus. Chicago 1901, S. 162ff ↩︎
  3. La Presse v. 13.01.1880; vgl. Gil Blas, 12.01.1880, wo von 20 Frauen die Rede ist; The New York Times v. 30.01.1880 ↩︎
  4. Peacock 1995: 254f ↩︎
  5. https://jeffreygreen.co.uk/060-black-london-1880/ ↩︎
  6. Qureshi, Sadiah: Peoples on parade : exhibitions, empire, and anthropology in nineteenth century Britain. 2011, S.57 ↩︎
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Autor: Joern Borchert

Museums- und Ausstellungsberater seit 1991

3 Kommentare zu „Die „Zulu-Prinzessin“ Amazula – Schauobjekt oder Unterhaltungskünstlerin auf Welttournee (1880 -85)? – Großbritannien – [1/4]“

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