
[Öl, H. 1,05 ; L. 1,41 m; Château de Compiègne MV 5707]
Intermezzo: Amazula und Incomo in Frankreich (1880)
In ganz Europa entstand im Zusammenhang mit den kolonialen Bestrebungen der Briten in Südafrika ein überaus großes Interesse an den Zulus. Besonders in Frankreich (natürlich). Der Tod des Prinzen Louis Napoleon, der nach der endgültigen Abschaffung der französischen Monarchie mit seiner Familie im britischen Exil lebte und am 1. Juni als Offizier der britischen Truppen im Zulukrieg, durchbohrt von 18 Speeren (Assegais), gefallen war, verliehen dem öffentlichen Interesse einen weiteren Schub. Es kam in Frankreich zu einer regelrechten Zulumanie.1 Kaum ein Tag, wo man nicht etwas in der Zeitung über die Zulus lesen konnte. Und natürlich bemühten sich auch hier Veranstalter, echte Zulus präsentieren zu können. In Paris erregten die fünf wild aussehenden und nur spärlich bekleideten Zulukrieger, die in den schon damals nicht unbedeutenden Folies- Bergère auftraten, besondere Aufmerksamkeit.

Plakat der Folies-Bergère:
Les Zoulous (Bibliothèque nationale de France)

Es sieht so aus, als ob die Zulus sowohl auf als auch vor der Bühne in Szene gesetzt wurden. Nicht zuletzt, um ihnen nahe kommen zu können.
Le Monde Illustré 21 November 1879

Karikatur
„Keine bösen Zulus mehr, sondern freundliche“
Ich weiß nicht, ob sich diese Karikatur auf eine reale Situation bezieht oder ob sie reine Fiktion ist.
Zu den doch recht überraschenden Fundstücken, die ich bei meinen Internetrecherchen gemacht habe, gehört die Nachricht, dass Amazula in Begleitung des „Zulu-Chefs“ Incomo, der uns später noch intensiver beschäftigen wird, am 19. November 1880 in Paris ist. Glaubt man dem Artikel in L’Événement vom 20.11.1880 einfach nur für einen Besuch, also ohne dort aufzutreten. Allem Anschein nach stehen vor allem Theaterbesuche auf dem Programm. Als erstes die Oper „Hamlet“ in der Opéra Garnier. Dort danken sie auf offener Bühne dem Direktor Auguste Vaucorbeil für die Aufführung. Das entfacht Begeisterungsstürme beim Publikum und findet selbstverständlich auch Resonanz in der Presse.2 Ein paar Tage später sitzen die beiden im Théâtre des Bouffes Parisiens, um sich dort die sehr erfolgreiche Operette „Les Mousquetaires au Couvent“ anzusehen. Unterstützt von einem Übersetzer sollen sie die Aufführung mit Begeisterung verfolgt haben.3 Damit aber nicht genug. An einem anderen Abend gehören sie in den Folies-Dramatiques zu den Besuchern des Stücks „Le Beau Nicolas“. So kurz die Zeitungsnotizen auch sind, ihre Bekleidung wird immer beschrieben. Beide sind stets barfuß unterwegs. Ende November! Amazula trägt ein lediglich aus einer Stoffbahn bestehendes Kleid, Incomo nur „eine Art Hose“.4 Ob diese Theaterbesuche, die immerhin kurz in der Presse ihren Niederschlag fanden, wirklich nur dem Vergnügen oder eher Werbezwecken dienten, ist unklar. Ebenso unklar ist, ob sie in den Folies-Bergère waren, um sich dort mit ihren Landsleuten zu treffen.
Allem Anschein nach reisten sie mit Farini. Denn unmittelbar nach dem Besuch in Paris ergänzte er seine Londoner Zulugruppe Ende 1880 um fünf weitere Zulus. Mit den Zulus, die in den Folies Bergère aufgetreten waren, sich dort aber schlecht behandelt fühlten. Diese waren bereits seit 1879 in Frankreich und anscheinend über Marseille eingereist. Denn es war höchstwahrscheinlich diese Gruppe, die 1879 von dem Anthropologen und Vize-Direktors des Muséum d’histoire naturelle in Lyon, Ernest Chantre, anthropometrisch untersucht, das heißt vermessen wurde. So sind nicht nur ihre Maße sondern auch ihre Namen überliefert: Lamina (ein Häuptlingssohn), von dem auch wegen seiner angeblich bemerkenswerten Statur ein Abguss angefertigt worden sein soll sowie Janesi, Abdula, Gobenzemba und Umpigwa.5


Möglicherweise ist die Figur in der Hochvitrine der o.g. Abguss.
(Archives départementales du Rhône, côte 3757W4_32)
Farini führte nun diese Gruppe mit den bereits in London anwesenden Zulus zusammen. Vertraglich wurde vereinbart, dass sie 3 £ pro Monat dafür bekämen, wann immer Farini es wollte, zum Beispiel zu singen, zu tanzen und die Assagais, so wie sie es im Zululand täten, zu benutzen. Außerdem waren sie dazu verpflichtet, nie ohne seine Erlaubnis auf die Straße zu gehen.6
Bald bemühte sich ein anderer Impresario, die Zulus Farini abspenstig zu machen, indem er ihnen eine bessere Bezahlung anbot. Daraufhin versuchten sie, das Royal Aquarium zu verlassen, doch Farini soll ihnen die Kleidung abgenommen haben, um sie daran zu hindern, das Weite zu suchen. Farini behauptete später, er habe das nur deshalb getan, um zu verhindern, dass sie alleine durch London liefen und dort, in Unkenntnis der üblichen Verhaltensweisen und der Sprache, Unheil anrichteten. Wie auch immer, ganz offensichtlich hatten die Zulus einen Rechtsbeistand und vor Gericht erläuterten ihnen wohlwollende Engländer wie Theophilus Shepstone oder der eher liberale Bischof von Natal das Verfahren und unterstützten sie. Wie sich herausstellte, beklagten sich die Zulus nicht über eine schlechte Behandlung durch Farini oder über die öffentliche Zurschaustellung, sondern allein über die schlechte Bezahlung. Sie konnten, nicht vertraut mit den europäischen Rechtsnormen, verständlicherweise nicht nachvollziehen, warum es ihnen verboten sei, zu einem anderen Impresario zu wechseln, der ihnen mehr zahlen wollte. Farini gab an, sie nicht dazu zu zwingen, für ihn zu arbeiten, verwies sie auf den Vertrag und würde ihnen auch die Rückreise finanzieren. In keinem Fall aber würde er ihnen, wie vertraglich vereinbart, gestatten, für einen anderen Impresario tätig zu werden.7
Wir wissen nicht, wie das Verfahren ausging und was die Zulus danach taten. Ich finde es aber durchaus festhaltenswert, dass sie als sehr entschiedene und selbstbewusste Arbeitnehmer auftraten, Unterstützung von prominenten Vertretern der englischen Gesellschaft bekamen und nicht – zumindest von offizieller Seite – wie Wilde oder vorgeführte Tiere behandelt wurden.
- La Libertè 04.01.1881 ↩︎
- Le Ménestrel 21.11.1880 ↩︎
- Le Figaro, 23.11.1880 ↩︎
- Le Rappel, 25 11. 1880 ↩︎
- Chantre, Ernest: Observations anthropométriques sur cinq Zoulous de passage à Lyon In: Bulletin de la Société d’anthropologie de Lyon, tome 2/11883, S. 72-75 ] ↩︎
- Nottinghamshire Guardian, “Mr. Farini and his Zulu Troupe”, 19.12.1879, p. 3. ↩︎
- Shane Peacock: Africa meets the Great Farini. In: Blanchard, Pascal et. Al. (Hg.): Human Zoos. Science and Spectacle, Liverpool 2008, S. 182f] ↩︎
2 Kommentare zu „Die „Zulu-Prinzessin“ Amazula – Schauobjekt oder Unterhaltungskünstlerin auf Welttournee (1880 -85)? – Frankreich – [2/4]“