Die „Zulu-Prinzessin“ Amazula – Schauobjekt oder Unterhaltungskünstlerin auf Welttournee (1880 -85)? – Deutschland – [4/4]


Teil 1/4 Großbritannien
Teil 2/4 Frankreich
Teil 3/4 USA

Vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885 fand in Berlin auf Einladung des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck die sogenannte „Berliner Konferenz“, auch „Westafrika-Konferenz“ oder „Kongo-Konferenz“ statt. Elf europäische Staaten sowie Russland, die USA und das Osmanische Reich nahmen daran teil. Abgesandte Afrikas hingegen waren dort nicht vertreten. Das Schlussdokument der Konferenz, die Kongoakte, bildete die Grundlage für die nachfolgende Aufteilung Afrikas durch die Kolonialmächte.

Berlin
Es ist also sicher kein Zufall, sondern auf die Geschäftstüchtigkeit ihres Impresarios Nat. Behrens, einem ehemaligen Mitarbeiter Barnums, zurückzuführen, dass zum Jahreswechsel 1884/85 plötzlich Amazula und ihre Gruppe in Berlin eintreffen, um dort ihre Tournee durch Deutschland zu starten. Das Umfeld ist gerade günstig und garantiert der Gruppe ein hohes Maß an Aufmerksamkeit.
So treffen sie am 30. Dezember um Mitternacht, von London über Hamburg kommend, am Lehrter Bahnhof in Berlin ein und werden sofort zu Castan’s Panoptikum gebracht, wo sie dann auch für die nächsten Wochen einquartiert werden. Die Presse ist von der „schönen, üppigen Erscheinung“ der angeblich 23jährigen Amazula vom ersten Moment an höchst angetan. Obwohl ihr richtiger Name ja eigentlich „Adz-Mwoula“ sein soll, nennt sie sich Amazula, weil ihr Mann, der bei den Auseinandersetzungen im Zululand ums’s Leben kam, angeblich so hieß. Möglicherweise aber auch, weil ihr Volk so hieß. Sie und ihr Sohn Umgame (7 Jahre) sind die Hauptpersonen. Obwohl er der eigentliche Chef der Gruppe sein soll, spielt der „Häuptling“ Incomo (32 Jahre) im Grunde als komplementäre Erscheinung eher eine Nebenrolle. Gleiches trifft auf die „Krieger“ Umfula, der zugleich als Medizinmann fungiert, und Umsafila zu.1

Castan’s Panoptikum in Berlin, um 1890 (Stadtmuseum Berlin)


Ihren ersten Auftritt, wenn man das so nennen will, haben sie im Rahmen der Silvesterfeier im engeren Kreis der Familie Castan. Offenbar treten sie dort, neugierig beäugt von den Anwesenden, auch sogleich in Aktion. „Wenn die Freudentänze und Gesänge diese schwarzen Menschenbrüder auch allen Respekt erregten, so muss man doch sagen, daß sie bei weitem nicht eine solche Abscheu erregten, wie die dort kürzlich gehörten Gesänge der Kannibalen von Neu-Queensland (…).“ Na, immerhin. Weiter wird darauf hingewiesen, dass sich die Zulus in London wohl schon ziemlich gut akklimatisiert hätten, denn sie würden hier nun auch Kaffee, Weißbrot mit Butter und europäisch zubereitetes Fleisch zu sich nehmen und nicht nur Milch, Hirse und nach ihrer Art zubereitetes Fleisch.2


Ihren ersten offiziellen Auftritt haben sie dann im Panoptikum am 5. Januar 1885. Das Standardprogramm beinhaltet Folgendes: Feueranzünden durch das Reiben von Hölzern, Friedens-, Jagd-, Krieger- und Totentänze, vor allem aber das Werfen der berühmt gewordenen Assegais. Darüber hinaus werden aber auch diverse Utensilien, Waffen und Gerätschaften aller Art ausgestellt. Zuweilen scheint dieses Programm, wenn Zeit und Location es zuließen, erweitert worden zu sein. Etwa um längere Vorträge von Experten oder die Errichtung einer Hütte. In den Presseberichten steht jedoch meist nicht dieses Programm im Mittelpunkt, sondern eher die Ergänzungen, Abweichungen oder besondere Vorkommnisse.
Nach allem, was ich bisher in den Quellen gelesen habe, dürfen wir uns ihre Auftritte nicht als reine, frontale Bühnenauftritte vorstellen. Egal wo auch immer sie auftraten, zum Programm gehörte, dass sie sich unter das Publikum mischten und diesem also unmittelbar physisch begegneten. Auch wenn ich zu keiner der deutschen Stationen Abbildungen zu den Auftritten der Zulugruppe gefunden habe, so doch immerhin eine literarische Beschreibung des Auftritts der vorher bei Castan präsentierten Gruppe australischer Aborigines. Sie beschreibt, ergänzt durch eine Abbildung, die im Panoptikum herrschende (alkohollastige und erotisierte) Atmosphäre und lässt durchaus auch Rückschlüsse auf den Blick zu, mit dem man den dort gezeigten Menschen begegnete:

„Geht es in den Sälen (…) meist ruhig und gemessen zu, so herrscht oft in dem großen hinteren Saal ein ausgelassenes Leben und Treiben. Hier geben sich die fremden Völkertrupps, die in letzter Zeit ziemlich häufig von den Brüdern Kastan als besondere Zugkraft benützt wurden, ein Rendezvous mit den civilisirteren Besuchern und sie zeigen uns gar bald, daß die „Wilden nicht bessere Menschen sind“, wie der „übertünchte“ Europäer, denn sie verstehen sich vorzüglich auf Trinkgeldnehmen und sonstiges „Nassauern“; gern nehmen sie Bier und Cigarren entgegen, und diese materielle „Unterhaltung“ ist ihnen jedenfalls lieber, wie eine mündliche Konversation, höchstens lassen sie sich auf ein unartikuliertes „Prosit“ oder ein den Dank bezeugendes Grunzen ein. Erhalten sie auf der einen Seite von den Herren leibliche Kost, so können sie sich auf der andern Seite durchaus nicht über Nichtachtung seitens der Damen beklagen, im Gegentheil. – – Doch ziehen wir über dieses Kapitel australnegerischer Liebesromantik den Schleier der europäischen Höflichkeit. Unseren neuen schwarzen Landsleuten in Westafrika können wir aber schon jetzt zu ihren Herzenserfolgen in der „Stadt der Intelligenz“, falls sie dieselbe, wie doch zu erwarten steht, demnächst auf einer kleinen Lustreise nach dem alten Mutterlande besuchen, gratuliren.“3

„Bei den Australnegern“ in Castan’s Panoptikum, Berlin 1884


Bei all dem darf nicht vergessen werden, dass der Erfolg des Panoptikums auch daraus resultierte, dass hier Unterhaltung und – ja auch! – Bildung miteinander verknüpft waren. Noch dazu verstand es Castan, immer wieder auch Angehörige höherer Gesellschaftsschichten und der Wissenschaft zu Besuchen anzuregen, was die Seriosität des Unternehmens belegen sollte.
So berichtet etwa das Hallesche Tageblatt am 9. Januar 1885 davon, dass die Gruppe von zwei Herren besucht wird, die in der deutschen Kolonialgeschichte nicht unbedeutende Rollen spielen. Adolf Schiel und Adolf Lüderitz.4 Allem Anschein nach sind diese zumindest vom Hören-Sagen den Zulus nicht ganz unbekannt. Da beide die Sprache der Zulus sprechen, ergibt sich so die Gelegenheit Neuigkeiten zu erfahren und für die Zulus auch die Möglichkeit durch Schiel ein Lebenszeichen an die Angehörigen im Zululand übermitteln zu können. Zu weiteren Besuchern der „besseren“ Gesellschaft gehören der Kronprinz von Schweden und der Erbgroßherzog von Weimar. 5

Von besonderer Bedeutung war jedoch die Konferenz der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte (BGAEU) , die am 12. Januar 1885 in Castan’s Panoptikum unter der Überschrift „Vorstellung von Zulu-Kaffern“ stattfand. Zu dieser hatte der Vorsitzende der Gesellschaft, Rudolf Virchow, die Mitglieder und ihre Damen geladen. Virchow, der zusammen mit zahlreichen Fachgelehrten 1869 die BGAEU gegründet hatte, war nicht nur Professor für Pathologische Anatomie mit Weltruf, sondern auch Anthropologe, Prähistoriker, links-liberaler Politiker und einiges mehr. Die Beziehungen zwischen den Anthropologen der Zeit und den Veranstaltern der Menschenschauen waren eng. Jean Charles Louis Castan etwa, der neben dem Panoptikum in Berlin, auch über Dependancen in Köln und Brüssel verfügte, war einer der Mitbegründer der Gesellschaft, Hagenbeck später eines der Ehrenmitglieder. Den einleitenden Worten Virchows zu dieser Zusammenkunft ist zu entnehmen, dass diese Präsentationen indigener Menschen durchaus dazu dienten, Interesse an den kolonialen Erwerbungen zu stimulieren:

„Zu dem Interesse, welches es gewährt, ausgesuchte und zweifelslose Exemplare dieses in den letzten Jahren so viel genannten Stammes zu sehen, tritt noch die wachsende Bedeutung, welche für Europa und nicht am wenigsten für Deutschland der „schwarze Erdtheil“ gewonnen hat. Jedermann empfindet das Bedürfnis, aus der verwirrenden Zahl der afrikanischen Stämme durch eigene Anschauung wenigstens gewisse Haupttypen kennen zu lernen.“6


Im weiteren Verlauf der Veranstaltung werden die Tänze und Gesänge, die die Zulugruppe den Anwesenden vorführt, erläutert und diverse Waffen und Gerätschaften vorgestellt. Auch ein Vortrag über die Geschichte der Zulus gehört zum Programm. Offenbar hatte Virchow schon vor dieser Veranstaltung, also unmittelbar nach ihrer Ankunft, die Zulus anthropologisch vermessen und übergibt der Gesellschaft nun die Ergebnisse seiner Arbeit. Nachdem er die Körpermaße und deren Interpretation ausführlich dargestellt hat, schildert er noch kurz, welchen Eindruck er von den Menschen bekommen hat:
„Was ich über ihre Gewohnheiten und ihr Benehmen in wiederholtem persönlichem Verkehr wahrnehmen und erfahren konnte, war in hohem Maasse empfehlend. Es sind mässige Leute, deren Bedürfnisse bald befriedigt sind. Trotz ihrer kriegerischen Erziehung und ihrer offenbaren Lust am Kriege zeigen sie sich verträglich, zutraulich, offen und sind jederzeit zu Heiterkeit und Scherzen aufgelegt. Inkomo, der eigentliche Spassmacher, steckt voll von plötzlichen und überraschenden Einfällen, welche seine Genossen stets mit Vergnügen unterstützen. Die Kraft und Sicherheit ihrer Bewegungen, die Natürlichkeit ihrer Stellungen und Gebärden, die Aufmerksamkeit und Feinheit ihrer Beobachtungen geben ihrem Benehmen einen gewissen Anstrich von Civilisation, der weit über ihre intellektuelle Entwickelung hinausgeht. Von Assambola [sic!] insbesondere kann ich, wie neulich von der australischen „Prinzessin“, sagen, dass sie in jedem Kreise europäischer Gesellschaft als eine distinguirte Erscheinung angesehen werden würde.“7

Amazula und ihre Gruppe. Der Herr in der Mitte könnte N. Behrens, ihr Impresario, sein.
(Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum /ehem. Bestand Berliner Anthropologische Gesellschaft, CC BY-NC-SA 4.0; Fotograf: Carl Günther)

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Virchow sich bewußt war, dass die in der Versammlung gezeigten Zulus bereits fünf Jahre unterwegs waren. Bestimmt ist der Aufenthalt in Großbritannien und den USA, der Umgang mit dem Publikum, dem Impresario und nicht zuletzt auch mit den Kollegen anderer Völker nicht spurlos an ihnen vorüber gegangen. Ob sie wollten oder nicht, sie hatten sich den neuen Verhältnissen anzupassen und lernten auch, die an sie gestellten Erwartungen zu erfüllen. Besonders war dieses bei dem kleinen Jungen der Fall, der ja sein gesamtes bisheriges Leben im Kontext der Schaustellungen verbracht hatte. Das hält Virchow jedoch nicht davon ab, seine Theorien als Tatsachen darzustellen, die dann auch von Fachkollegen, wie etwa Johannes Ranke, aufgegriffen werden:


„In dem ganzen Auftreten der Zulu markiert sich eine höchst bemerkenswerte Lebendigkeit (Vitalität), und ihre Natur erscheint weit über das gewöhnlich angenommene Maß der Negervölker hinaus vorzüglich entwickelt. Namentlich an dem Kinde fällt die Lebhaftigkeit und Intelligenz deutlich in die Augen, und zwar mehr als bei den Erwachsenen. Dies ist keine Ausnahme, sondern als Regel anzusehen, da in der Tat in der Wildnis das Kind, bis zu seinem sechsten Jahre etwa, bereits alles lernt, was ihm das Leben zu bieten hat, später aber ihm für gewöhnlich die Gelegenheit mangelt, weitere Fortschritte zu machen. Demzufolge entwickeln sich auch körperlich wie geistig die unter einigermaßen zivilisierten Verhältnissen aufwachsenden Abkömmlinge solcher Eingeborenen auffallend viel besser.“ 8


Die deutsche Anthropologie genoss dennoch einen guten Ruf im deutschsprachigen Raum, aber auch auf dem Balkan, in den Niederlanden und Frankreich. Eine wichtige Rolle spielte dabei der Austausch von Fotografien.9 In einer kurzen Zeitungsnotiz ist Anfang Januar noch die Rede davon, dass Amazula es durchweg ablehnte, sich für die Berliner Gesellschaft für Anthropologie fotografieren zu lassen. „Mit Thränen in den Augen bat sie, ihr diese Schmach nicht anzuthun.“10 Keine Ahnung, wie diese Nachricht zustande kam. Vielleicht wollte man auch nur eine Nachfrage nach Fotos von ihr in Berlin hervorrufen. Denn von Ihr und ihrer Gruppe waren ja bereits in den USA Aufnahmen gemacht und verkauft worden. Oder war ihr bereits gesagt worden, dass auch Nacktaufnahmen von ihr und ihren Begleitern angefertigt werden sollten? Wir wissen es nicht, aber tatsächlich kam es zu diesen Aufnahmen. Zu einer Vielzahl. Angefertigt wurden diese von dem Fotografen Carl Günther, dessen Geschäftsräume sich in unmittelbarer Nachbarschaft von Castan’s Panoptikum in der Behrenstraße befanden.

Einige der Aufnahmen von mindenstens 23, die Carl Günther 1885 von der Zulugruppe angefertigt hat (Världskulturmuseerna Stockholm > alle Fotos)

Abbildung aus Ranke 1887


Deutlich sichtbar wird auch, dass die fotografischen Aufnahmen nicht nur wissenschaftlichen Zwecken dienten. Vielleicht sogar am wenigsten. Motive wie das oben gezeigte lassen vermuten, dass die Fotos vor allem zum Verkauf angefertigt worden waren, wobei die Aktaufnahmen vermutlich unter dem Ladentisch gehandelt wurden.
Am 19. April, nach gut drei Monaten, verlässt die Gruppe Berlin. Natürlich nicht, ohne dass die Presse auch darüber berichtet. Dort erfahren wir, dass die Zulus an alle, mit denen sie näheren Kontakt hatten, Geschenke verteilten. Ein besonders herzliches Verhältnis soll Amazula zu Frau Castan gehabt haben, der sie nicht nur ein weißes Tuch als Angebinde schenkte, sondern sich mit den Worten „Gut Essen, gut Essen!“ auch für die Bewirtung bedankt haben soll. Was ihre Reisekleidung anbetrifft, so sollen die Männer der Gruppe dicke Anzüge, weiße Oberhemden, runde,weiche Hüte und blitzblanke Stiefel getragen haben. Amazula war mit einem Radmantel, einen Rembrandthut, einem weißen Schleier, der ihr Gesicht verhüllte und hochhackigen Damenstiefeln ausgestattet.11

Halle/Saale

Die nächste Station war dann Halle/Saale. Allerdings nur für wenige Tage. Anlässlich ihres Besuchs hielt der dortige Verein für Erdkunde im Café David (Geiststr. 1) unter Leitung seines Vorsitzenden Prof. Kirchhoff am 21. April eine außerordentliche Sitzung ab. So wie kurz zuvor beim Besuch der „Australneger“. Offenbar hatte das jüngste Mitglied der Gruppe, der siebenjährige Umgame, nicht nur den Berichterstatter besonders fasziniert:
„Es ist dieser kleine Zuluprinz ein wirklich liebenswürdiges Kind, das auch Beweise seiner erfolgreichen Studien in Berlin gab; wie er denn auf seinem eigenthümlichen Kopfkissen, einem hölzernen Bänkchen, sich mit einem weit hinschallendem „gute Nacht!“ zur Ruhe begab und nach wenigen Augenblicken mit dem Gruße „guten Morgen!“ von seinem Lager aufsprang und sich dann vergnügt unter das Publikum mischte, dem er in freigiebigster Weise mit den Worten: „Guten Tag, Landsmann!“ seine braunen Händchen reichte.„12

Leipzig und Chemnitz

Ende des Monats ging es dann für etwa zehn Tage nach Leipzig. Dort fanden die Auftritte in der Zentral-Halle statt. Am letzten Tag, einem Sonntag, gab es dort folgende Vorstellungen: eine von 11- 13 Uhr, nachmittags um 16 Uhr eine große Extra-Vorstellung zusammen mit dem übrigen Künstlerpersonal des Hauses, das wohl auch bei der ausverkauften Gala-Vorstellung um 20 Uhr mitwirkte.13 An die Auftritte in Leipzig schlossen sich dann für einige, wenige Tage weitere in Chemnitz an, wo die Vorstellungen in der „Linde“ stattfanden. Allerdings meinte ein Berichterstatter dort, dass es in der Tat sehr kurzweilig sei, dem „Treiben dieser Naturkinder“ ein Viertelstündchen zuzuschauen. Das wäre dann aber auch ausreichend.

Köln

Überraschend ist, dass die Gruppe nicht in das nahegelegene Dresden weiterreist, sondern nach Köln. Auch dort treten sie in Castan’s Panoptikum auf. Das kurz zuvor in Köln neugegründete Etablissement lag im sogenannten Goldenen Eck, einem Vergnügungsareal vor den Toren der Stadt, das leicht zu Fuß, mit der Straßenbahn oder auch dem Schiff zu erreichen war. Zu den Hauptattraktionen dieses Areals zählten der Zoo, die Flora (Botanischer Garten), aber auch das gerade dort neueröffnete Panoptikum und der Kaisergarten. Während Amazula und ihre Begleiter im Panoptikum auftraten, waren zur gleichen Zeit im benachbarten Kaisergarten open air „Hagenbeck’s Singhalesen“ (50 Personen) zu sehen. Alle Attraktionen zusammen zogen so im Sommer 1885 sonntags fast 10.000 Besucher an und brachten die Straßenbahn an ihre Belastungsgrenzen.14

Ausschnitt aus dem Kölner Stadtplan in Meyers Konversationslexikon, um 1900
Anzeige aus Koelner Nachrichten 13.06.1885


Beachtenswert ist, dass die Gruppe rund um Amazula hier und andernorts wohl fast immer als „Cammeroon-Zulu-Truppe“ beworben wird, was natürlich vollkommener Quatsch ist, weil das Herkunftsgebiet der Zulus mehr als 5000 Kilometer von Kamerun entfernt ist. Da aber Kamerun gerade deutsche Kolonie geworden war, sollte die Nennung dieses Namens für ein größeres Interesse sorgen. Immerhin gab es nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Journalisten, die auf diese Irreführung hinwiesen, den Zulus jedoch trotzdem eine gewisse Ähnlichkeit mit „den neuen Landsleuten in Kamerun“ attestierten.15
Wie immer, so wird Amazula auch hier auf ihr Äußeres reduziert und so lesen wir im Kölner Sonntagsanzeiger (14.06.1885): „Ob sich ein deutsches Mädchen in einen der drei Herren zu verlieben vermöchte, will ich dahingestellt sein lassen; aber die Prinzessin Amazula ist eine stattliche Bühnenerscheinung, und was ihr Gesicht betrifft, so müsste ich mich sehr irren, wenn ich nicht schon Europäerinnen gesehen hätte, deren Schönheit um ein bedeutendes häßlicher ist.“ So nimmt es kaum Wunder, dass ein Breslauer Schuhmacher ihr angeblich einen Heiratsantrag gemacht habe. Und an gleicher Stelle trifft der vereinnahmende koloniale Blick auch auf ihren Sohn, indem gesagt wird, dass er die besten Anlagen habe, ein preussischer Soldat zu werden.


Wie könnte es in Köln auch anders sein, natürlich befassen sich auch Tünnes und Schäl mit den Menschenschauen im Goldenen Eck. Ganz speziell und sehr ausführlich mit der Vorstellung der Zulus im Panoptikum, wobei eingangs erwähnt wird, wie preiswert diese Form der Bildung doch sei:
„Mer gitt esu mänche Grosche für Dommerei us, wo mer nix för hät, z.B. fufzig Penning oder en Mark Entrettsgeld, dat mer an dä Fastelovendsdääg e Glas Beer oder Kaffee drinke kann, – weshalb sall mer alsu nit e paar Grosche latze, öm jett Neues un Lehrreiches zo sinn? (…) „Tün“ säht ich, „lohß mer ens bei de Zulus gonn; nit blos us Patriotismus, – mer fingen och vielleich Stoff för en Fastelovendsrääd.“16

Tatsächlich grassierte, nachdem Deutsch-Südwest-Afrika, Kamerun, Togo Deutsch-Ostafrika zu Schutzgebieten bzw. Kolonien erklärt worden waren, nicht nur in Köln das Afrika-Fieber. Die Reiseberichte des Geografen und Ethnologen Wilhelm Joest, einer der Begründes des Rautenstrauch-Joest Museums, fanden in der Presse ebenso viel Beachtung wie die Berliner Konferenz. So ist es kaum verwunderlich, dass das Motto des Rosenmontagszugs 1885 „Held Carneval als Colonisator“ lautete und deshalb zahlreiche Festwagen unterschiedliche Aspekte der Kolonisation darstellten.17

Kölner Carneval 1885. Offizielle Darstellung des Rosenmontagszuges nach Originalzeichnungen von Tony Avenarius. Köln 1885 (Kölner Karnevalsmuseum/Wikipedia)


Offenbar regten die Menschenschauen im Goldenen Eck auch die Kölner Kinder und Jugendlichen dazu an, diese nachzuahmen und damit etwa ihr Taschengeld aufzubessern. Das jedenfalls ist einem Leserbrief zu entnehmen, der in der Kölnischen Volkszeitung am 19. Juli 1885 erschien:


„Lieber Herr Localberichterstatter! Sie haben über Ankunft und Abreise der Singhalesen, sowie über die Productionen der Zulu-Truppe im Panopticum getreulich berichtet. Daß letztere von Seiten unserer lieben Jugend eine gefährliche Concurrenz zu erwachsen droht, scheint Ihrer Beobachtung bisher entgangen zu sein. Und doch sieht man in den Promenaden des nördlichen Stadttheils seit einiger Zeit ganze Truppen Schulkinder und halberwachsene Rangen mit gelben und schwarzen Gesichtern, Federn auf dem Kopf und Ringe in Nase und Ohren tragend, lagern, und sobald sich ein Kreis von Zuschauern um sie gebildet hat, ihre Kunststücke machen und einen der ‚Häuptlinge‘ das Geld einsammeln. Das letztere scheint dabei die Hauptsache zu sein. Die Folgen sind nur, daß die Buben ihre Schulaufgaben nicht machen, und der Lehrer die neue Entschuldigung hören muß: ‚Wir haben in der Promenade Singhalesen gespielt.“ Natürlich werden auch die Assegais der Zulus nachgebaut und damit Wurfübungen etwa auf Bauzäune veranstaltet. Nicht allen gefällt das. 18
Sehr viel weniger amüsant erscheinen demgegenüber die Ausführungen des Bonner Anthropologen Hermann Schaaffhausen über die bei Castan gezeigten Zulus. Wenig wissenschaftlich resp. ausgesprochen rassistisch erscheint es, dass auch er jede Person und alle ihre Details vor allem nach seinen ästhetischen Vorlieben beurteilt. Nicht besser wird es, wenn er schreibt: „In den Gebräuchen dieser Wilden deutet manches auf rohere Zustände früherer Zeit. Als eine Erinnerung an die Menschenfresserei, die einst unter ihnen herrschte, kann die Sitte gelten, daß, wer einen Feind niederschlägt, von ihm den Bart nimmt, und wenn er keinen hat, die Oberlippe abschneidet und sie um den Hals trägt, damit er die Kraft des Feindes erlange.“ 19 Ich möchte dabei allerdings auch betonen, dass dies die einzige mir bisher bekannte zeitgenössische Quelle ist, die die Zulus derartig abwertet und in ein so schlechtes Licht rückt. Virchow ist, was auch immer man von seinen Untersuchungen halten mag, demgegenüber wesentlich zurückhaltender.
Kurz vor Ende des Aufenthalts der Gruppe in Köln erfahren wir, dass Castan nicht nur die Zulus präsentiert, sondern auch „eine Sammlung von Waffen, Musik-Instrumenten, Schmucksachen und sonstigen Dingen aus Kamerun [sic]“ erworben hat.20 Da die Tournee der Gruppe noch nicht beendet ist, überrascht das. Das Equipment wird ja noch gebraucht. Ich frage mich also, ob so viele Utensilien von der Gruppe mitgeführt wurden, dass eine Veräußerung an den jeweiligen Veranstaltungsorten möglich war. War der Handel mit authentischen Objekten der Zulus womöglich eine weitere Einnahmequelle des Impresarios? Da sie zu dem Zeitpunkt bereits fünf Jahre unterwegs waren, erscheint die dauerhafte Mitführung zweifelhaft. Wurden Objekte aus Afrika vielleicht nachgeliefert? Auch das ist möglich. Oder stellten gar deutsche Handwerker Dinge her, die irgendwie afrikanisch wirkten. Why not?


Stettin
Ende Juli verlässt die Zulu-Gruppe Köln. Allem Anschein zunächst Richtung Berlin. Ab etwa dem 9. August ist sie dann in Stettin zu sehen, im Bellevue-Konzertsaal. Schon in Köln wurde darüber berichtet, dass es Incomo nicht gut ging, er sich aber wieder erholt hätte.21 Offenbar war er jedoch schwerer erkrankt, denn auch in Stettin geht es ihm gar nicht gut.

„Bereits bei seinem ersten Auftreten in Berlin machte er den Eindruck eines Schwindsüchtigen, da er häufig hüstelte und ausspie. Stumm und melancholisch saß er gewöhnlich während der Vorstellungen da, und wenn die Karawane ihre Gesänge anstimmte, kam von seinen Lippen mehr ein Murmeln als ein Sprechen. Es ist wohl kaum daran zu zweifeln, dass das Herumreisen und vor allem das nordische Klima bei der leichten Bekleidung des Zulu den Grund seiner Krankheit abgegeben haben.“ Und auch die anderen schienen während der letzten Wochen, immer wieder krank zu sein. „Bei jedem Witterungswechsel mußten die Zulus medizinieren; sie kamen aus der ärztlichen Behandlung gar nicht heraus.“22
In den Frühstunden des 19. August stirbt Incomo dann plötzlich an einem Blutsturz. Bereits wenige Stunden danach werden die Ereignisse rund um sein Ableben in der Stettiner Zeitung ausführlich geschildert. Demnach konnte der herbeigerufene Arzt auch nur noch den Tod feststellen. Amazula reinigt den Leichnam und macht all das, was Zulus angeblich in so einem Fall tun. Dazu gehört das Zusammennähen der Lippen. Als der Sarg eintrifft, strecken die verbliebenen Zulus ihre mit Geld gefüllten Hände aus, um die Kosten der Bestattung umgehend zu begleichen. Das lehnt der Impresario aber ab. Rasch wird Incomos Leiche aus dem Hotel geschafft. Wer nun denkt, dass damit nun die Vorstellungen ihr Ende gefunden hätten, der täuscht sich. Trotz ihrer Trauer mussten die Zulus bereits am Vormittag des gleichen Tages wieder vor Publikum auftreten. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, dass auch die offensichtliche Trauer, besonders der beiden anderen Männer, einen neuen Besuchsanreiz schaffen sollte. Wir wissen es nicht. Bereits am nächsten Tag findet unter großer Beteiligung der Öffentlichkeit Incomos Beisetzung auf dem Pommerensdorfer Friedhof in Stettin statt. Anders als man das bei der Beerdigung eines afrikanischen Häuptlings erwartet hatte. Nämlich so, wie man es dort immer tat. Allerdings unter Beigabe eines Schilds und einiger afrikanischer Gerätschaften. Nachdem die Anwesenden jeweils ein Häufchen Erde in das Grab geworfen hatten, legte man fünf Kränze auf das Grab. Irritierend erschien den Trauergästen, dass die Zulus nicht an der Beerdigungsfeier teilgenommen hatten. Doch die waren – man mag es nicht glauben – vermutlich bereits wieder für ein kurzes Gastspiel auf dem Weg nach Stargard.23

Dresden

Das Gastspiel muss, wenn es denn überhaupt stattgefunden hat, von sehr kurzer Dauer gewesen sein, denn bereits am 25. August trifft die Gruppe um 11 Uhr auf dem Berliner Bahnhof in Dresden-Friedrichstadt ein. Und jetzt halten sie sich fest! Incomo ist wieder dabei. Natürlich nicht derselbe, der bislang zur Gruppe gehörte, sondern ein anderer Mann. Denn, da die (!) Direktoren bereits mit dem Ableben des ursprünglichen Incomos rechneten, hatten sie sich bereits um Ersatz gekümmert,24 sodass alle Rollen innerhalb der Gruppe jetzt wieder besetzt waren. Ein Häuptling gehörte einfach zur Show dazu. Wahrscheinlich auch, weil ihren Besuchern immer auch ein Heftchen gratis ausgehändigt wurde, das die Eigenschaften der Zulus erläuterte. Verfasser dieses Heftchens war übrigens Prof. Gustav Fritsch, Anatom und Anthropologe aus Berlin. Ein Gründungsmitglied der oben genannten Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte.
Die Gruppe fährt also direkt zum Feldschlösschen, wo sie untergebracht wird, und noch am gleichen Tag findet dort um 15 Uhr die erste Vorstellung vor ausverkauftem Haus in wieder vollständiger Besetzung statt. Ein langer Artikel in den Dresdner Nachrichten (26.08.1885) schildert diesen Tag und stellt die Gruppe ausführlich vor. Wir erfahren dort, dass sie Schweinefleisch, Geflügel und besonders Fisch als Speise ablehnen, aber dem Bier sehr zugetan sind. Ebenso, dass sie außer der Zulusprache, gut Englisch sprechen und auch einige Brocken Deutsch beherrschen. Sind halt Profis, würde man heute sagen. Besonders der siebenjährige Umgame, der auch sofort in Kontakt mit den Mitgliedern der „Kapelle des Train-Bataillons“ tritt, weil die Blasinstrumente es ihm angetan haben.25

Anzeige aus Dresdner Nachrichten vom 01.09.1885


Nun stehen auf der Bühne auch einfache Strohhütten, die mit einigen Haushaltsgeräten ausgestattet sind. Sie bilden den Hintergrund für die Darbietungen. Den Höhepunkt bildet aber nach wie vor das Werfen der Assegais auf eine Zielscheibe und man ist allgemein von der Treffsicherheit der Zulu-Männer fasziniert.26 Naja, fast alle bis auf Herrn A. Lex aus Laurahütte/Oberschlesien. Denn der hat das Werfen der Assegais schnell gelernt und fühlt sich bemüßigt, das auch in der Monatsschrift für das Turnwesen (4.1885, S. 325f) kundzutun. Sein Resümee: „Tausende deutscher Turner entwickeln beim Ger- und Speerwurf bedeutend mehr Kraft, Eleganz und Schönheit der Körperhaltung und nach einiger Übung mindestens dieselbe Treffsicherheit, wie die von groß und klein angestaunten Zulukrieger.“
Der neue Incomo begibt sich da erst gar nicht in den Wettstreit und verzichtet ganz auf das Werfen der Assagais. Er gibt vor, dass echte Häuptlinge das nur im Krieg täten. Vielleicht kann er es aber auch nur nicht. Überhaupt fällt auf, dass er sich anders benimmt und bewegt wie die Kollegen. Ist er womöglich gar kein Zulu?
Am Ende ihres Aufenthalts in Dresden liefert uns ein längerer Zeitungsartikel, Einblicke in den Alltag der Zulus im Feldschlösschen. Hinsichtlich der Wohnsituation lesen wir dort, dass Amazula zusammen mit ihrem Sohn ein eigenes Zimmer bewohnt und die Männer der Gruppe zusammen in einem Nebengemach schlafen. Doch ganz frei bewegen können sie sich dennoch nicht. In einem vorgelagerten Zimmer schlafen, die „ständigen Begleiter“, wer auch immer das sein mag. Der Impresario Behrens oder Dawe? Könnte sein, denn in dem Artikel, der durchaus kritisch die Situation der Zulus reflektiert, wird gesagt, dass dieser jeglichen Verkehr abschneiden würde und selbst die Korrespondenz der „Prinzessin“ durch seine Hände ginge. Außerdem wird an anderer Stelle noch ein „englischsprachiger Diener“ erwähnt. Dennoch scheint sie eine recht selbstbewußte Frau zu sein: „Sie hat sich sehr resolut herausgebildetund klare Geschäftsbegriffe ausgebildet, sie kann jeden Augenblick zum Konsul gehen (!) und ihr Recht vertreten.“
Ansonsten verkehrt Amazula viel mit der Frau des Feldschlößchen-Direktors, die sich anscheinend gut um die Gruppe, besonders aber um Amazula und ihren Sohn kümmert. Dieser erscheint wohl morgens in der Küche, richtet auf Deutsch Grüße von der Mutter aus und fährt nach dem Frühstück mit den Kindern des Direktoren-Ehepaars „Velociped“. Ferner ist dem Artikel zu entnehmen, dass Amazula in ihrer Freizeit ein „europäisch zu nennendes Negligee“ trägt und sich gerne mit Stickereien beschäftigt.
Zu den Auftritten der Zulus bemerkt der Autor des Artikels kritisch: „ Um 9 Uhr früh beginnt die Vorstellung, das „europäische Sklavenleben“ dieser Afrikaner, das mit kleinen Unterbrechungen sie bis Abends 9 Uhr zum ermüdensten Einerlei verurtheilt.“ Und weiter, nicht ohne koloniales Gehabe, etwas pädagogischer ans Publikum: „Wie dankbar sind sie deshalb für jedes Entgegenkommen von uns und wie lehrreich wieder für unser Einen ist eine menschliche Annäherung mit diesen Naturkindern.“
Auch das Dresdner Publikum legt viel Wert darauf, in unmittelbaren, körperlichen Kontakt mit den Zulus zu kommen. Möglichst zwanglos, natürlich. Man sitzt oder steht gerne mit ihnen zusammen, um gemeinsam zu rauchen und Alkohol zu trinken. Besonders freut man sich darüber, dass die Zulus so gerne das Feldschlösschenbräu trinken, bis zu 30 „Täppchen“ pro Mann und Tag. Auch Amazula. Außerdem soll sie wohl leidenschaftlich gerne Walzer tanzen. Auch und vor allem bei Privatvorstellungen, die es allem Anschein nach wohl auch gab.27

Am 9. September haben sie ihren letzten Auftritt in Dresden. Bis dahin erwecken die Zeitungsartikel die meinen Ausführungen zugrunde liegen, den Eindruck, dass alles gut und problemlos abgelaufen ist. Zweifelsohne ist das zum Teil auch darauf zurückzuführen, dass auch schon damals die Veranstalter die Presse nutzten, um kostengünstig Werbung für ihre Unternehmungen zu machen. Doch erstaunlicherweise befasst sich die Presse auch noch nach dem Ende der Vorstellungen mit dieser Zulugruppe. Demnach hat der Impresario die Tournee abgebrochen, weil sich bei Mitgliedern der Gruppe die gleichen Krankheitssymptome wie bei Incomo d.Ä. gezeigt haben sollen. Via Hamburg und London sollen die Herren der Gruppe per Schiff in ihre Heimat zurückbefördert worden sein. Amazula hingegen soll es vorgezogen haben, mit ihrem Sohn in London zu bleiben. Dort soll sie dann neben dem Aquarium in Westminster, in der Princess Street, eine Wohnung angemietet haben. Angeblich habe sie „ein paar tausend Franks“ erspart, mit den sie in London eine „drink hall“ eröffnen wollte. Ihren Sohn wollte sie zunächst in Pflege geben, um ihn dann später auf eine Lehranstalt zu schicken.28 Woher diese Informationen stammen, ist unklar. Es gibt Indizien, die das nicht ganz unplausibel erscheinen lassen. Doch dazu später.


Knapp zwei Wochen nach der Abreise der Zulus aus Dresden greift das Berliner Volksblatt (16.10.1885) das Thema nochmals auf und berichtet über heftige Auseinandersetzungen, die die Gruppe mit ihrem Manager Dawe29 gehabt haben soll, die dann wohl auch der wahre Grund für den Abbruch der Tournee waren. Demnach seien die Zulus nach dem Tod Incomos wie umgewandelt gewesen. Sie wurden störrisch, träge und am Ende widersetzten sie sich wiederholt dem Manager. Zu einem offenen Aufruhr im Feldschlösschen kam es an einem Sonntag-Nachmittag. Wie gewohnt wollten sie auf der Bühne im Saal auftreten, doch wegen des großen Andrangs und des schönen Wetters, wollte der Manager sie im Garten auftreten lassen. Doch das verweigerten sie ihm mit „drohender Miene“. Darauf vorbereitet habe der Manager zu seinem Revolver gegriffen und ein Messer aus der Tasche gezogen und sie traten dann schließlich doch im Garten auf. Währenddessen soll ein englischsprachiger Diener (!) mitbekommen haben, wie eines der Gruppenmitglieder gesagt habe, dass er am Abend den Manager mit dem Speer töten wolle. Bei der Abendvorstellung sollen dann die Zulus während ihrer Aufführung von vier Polizisten bewacht worden sein und der Manager mit gezogenem Revolver daneben gestanden haben. Und auch schon vorher soll es innerhalb der Gruppe Ärger gegeben haben. Zwischen Umfula, einem der Krieger, und Amazula. Aus Eifersucht. Beide seien mit Waffen aufeinander losgegangen und als der Wirt sie habe trennen wollen, soll Amazula ihm so heftig in den Oberarm gebissen haben, „daß sich ihre Zähne förmlich eingruben.“ Es sieht also so aus, als ob das bisher so harmonisch gezeichnete Bild, durchaus tiefe Risse hatte und ein Abbruch der Tournee unausweichlich war.


Doch damit ist die Geschichte noch immer nicht zu Ende. Auf dem Bericht eines Berliner Korrespondenten der Breslauer Zeitung fußend erscheint Anfang November im Berliner Volksblatt ein Artikel, der sich auf die Konferenz der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte im Januar des Jahres bezieht.30 Bereits da hatte Virchow nach eingehenden Untersuchungen, vor allem der Haarproben, Zweifel an der Herkunft Amazulas geäußert: „Nach Hautfarbe und Körperentwicklung schien die bei den Zulu befindliche Person, Azamvula [sic], in Bezug auf die Reinheit ihrer Abstammung verdächtig; mit dem Präparat von ihr entnommener Haarproben in der Hand wurde dieser Verdacht in mir sofort zur wissenschaftlichen Überzeugung.“31
Der genannte Korrespondent bezweifelt ebenfalls die Authentizität Amazulas. Er selbst habe an der Konferenz teilgenommen und dabei beobachtet, wie Amazula und ihr Sohn den Raum verlassen haben, als sich Lüderitz mit der Gruppe in der Sprache der Zulus unterhielt. Aus guten Gründen, wie er meint. Sie sei nicht eine Tochter des Zulu-Königs Ceteshwayo, sondern vielmehr die Tochter einer Irländerin und eines Schwarzen, die in der Suffolk Street in Liverpool gewohnt hätten. Ihr richtiger Name sei also nicht Amazula, sondern „Lizzie (Lucy?) Grant“. Woher er diese Informationen bekam, wissen wir nicht.

Und damit sind wir nun am Ende der Geschichte angelangt und haben wieder einmal gelernt, dass nichts so einfach ist, wie es anfangs scheint.


Abspann:
Incomo wird exhumiert und seine menschlichen Überreste werden in die Sammlung der BGAEU überführt.

Castroper Anzeiger 24.07.1886
Die Kosten der Exhumierung. (Zeitschrift für Ethnologie 18.1886, S. 714)


Eine weitere Recherche steht an…

Tourneedaten
Berlin30.12.1884: Ankunft
12.01.1885: Sitzung der BGAEU
20.04.1885 (ca.) Abfahrt
HalleKurzaufenthalt
Leipzig21.04.1885 Ankunft
03.05. 1885: Letzter Auftritt in Leipzig
Chemnitz04.05.1885 Ankunft
?Posen? bis 17.05.1885
?Breslau?
Köln10.06.1885 bis Ende Juli in Castan’s Panoptikum
?Hannover/Berlin? Mögliche Zwischenaufenthalte
Stettin19.08.1885 Tod Incomos
Stargardunsicher
Dresden25.08.1885 Eintreffen aus Berlin
09.09.1885 Letzter Auftritt im Feldschlösschen
HamburgMitte September Abfahrt
Stettin24.07.1886 Exhumierung Incomos und Überführung der menschlichen Überreste nach Berlin
Fussnoten
  1. Berliner Volksblatt, 01.01.1885 ↩︎
  2. Berliner Volksblatt, 03.01.1885 ↩︎
  3. Lindenberg, Paul: Ein Stündchen im Panoptikum zu Berlin. In: Über Land und Meer, 27. Jg., Bd. 53, Nr. 17, 1884/85, S. 371 + Abb. S. 380 ↩︎
  4. Ersterer war Berater und auch so etwas wie ein Minister bei Dinuzulu, dem Sohn des verstorbenen Zulukönigs Cetshwayo. Mit diesem hatte ein Gesandter Lüderitz im November 1884 einen Vertrag abgeschlossen, der dem Deutschen Reich einen lokalen Gebietsanspruch an der Santa-Lucia-Bucht sichern sollte. Dieser wurde später aber fallen gelassen, da Bismarck eine Konfrontation mit Großbritannien ablehnte. ↩︎
  5. Hamburgischer Correspondent 26.03.1885 ↩︎
  6. Virchow, R.: Vorstellung von Zulu-Kaffern.“ In: Zeitschrift für Ethnologie, 17.1885, S. 13   ↩︎
  7. Protokoll der „Conferenz im Panopticum am 12. Januar 1885. Vorstellung von Zulu-Kaffern.“ In: Zeitschrift für Ethnologie, 17.1885, S. 13-22, hier S. 20f . > https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:kobv:11-713016 ↩︎
  8. Ranke, Johannes: Der Mensch. Bd. II, Leipzig 1887, S 303 = Virchow in ZsfE 17.1885, S. 15 ↩︎
  9. Poignant, Roslyn: Professional Savages. Captive Lives and Western Spectacles. New Haven und London 2004, S. 117 ↩︎
  10. Hallesches Tageblatt 9. Januar 1885 ↩︎
  11. Norddeutsche Allgemeine Zeitung, 21.04.1885; Hallesches Tageblatt 22.04.1885; Bonner Zeitung 24.04.1885 ↩︎
  12. Hallesches Tageblatt 22.04.1885 ↩︎
  13. Leipziger Tageblatt 3.05.1885 und 05.05.1885 ↩︎
  14. Allg. Anzeiger für Rheinland-Westfalen, 09.06.1885 ↩︎
  15. Bonner Volkszeitung 10.06.1885 ↩︎
  16. Kölner Sonntagsanzeiger 28.06.1885 ↩︎
  17. detaillierter in Hildegard Brog/Matthias von der Bank: Karneval und Kolonialismus. Auf Kopfwelten.org ↩︎
  18. Sunna Gieseke: „Manche Herren sind sogar Stammgäste“ auf der Seite kopfwelten.org ↩︎
  19. Kölnische Zeitung 31.07.1885] ↩︎
  20. Kölnische Zeitung 31.07.1885 ↩︎
  21. Kölner Nachrichten 25.07.1885 ↩︎
  22. Kölner Nachrichten 22.08.1885 ↩︎
  23. Leipziger Tageblatt 23.08.1885 ↩︎
  24. Stettiner Zeitung 19.08.1885 ↩︎
  25. Dresdner Journal 28.08.1885 ↩︎
  26. Sächsische Dorfzeitung 29.08.1885 ↩︎
  27. Dresdner Nachrichten 8.9.1885 ↩︎
  28. Kölnische Zeitung 03.10. 1885; bzgl. London s. Berliner Volksblatt 16.10.1885 ↩︎
  29. Wohl ein Mitarbeiter Hagenbecks, aber ich verstehe nicht warum jetzt nicht mehr Behrens als Manager genannt wird ↩︎
  30. Berliner Volksblatt 04.11.1885 ↩︎
  31. Zeitschrift für Ethnologie 17, 1885, S. 280 ↩︎
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Autor: Joern Borchert

Museums- und Ausstellungsberater seit 1991

Ein Gedanke zu „Die „Zulu-Prinzessin“ Amazula – Schauobjekt oder Unterhaltungskünstlerin auf Welttournee (1880 -85)? – Deutschland – [4/4]“

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